Christliche Heiligkeit

In einer Botschaft, die aus Philipper 1:27-28 unter dem Titel "Der apostolische Prediger" gepredigt wurde, legte Adam Clarke christliche Heiligkeit folgendermaßen aus:

"Die gesamte Absicht Gottes lag darin, den Menschen nach Seinem Ebenbild wiederherzustellen und ihn aus den Ruinen seines Abfalls herauszuheben; in anderen Worten, um ihn vollkommen zu machen; um alle seine Sünden auszulöschen, seine Seele zu reinigen und ihn mit Heiligkeit zu erfüllen, damit keine unheilige Gemütsart, böse Begierde, unreine Zuneigung oder Leidenschaft darin wohne noch ihn beseele.

Das, und nur das, ist wahre Religion oder christliche Vollkommenheit, und eine geringere Erlösung wäre dem Opfer Christi und der Funktion des Heiligen Geistes eine Unehre... Bezeichne es wie du willst, jedoch muss die Vergebung aller Übertretungen und die Entfernung des gesamten Wesens der Sünde und des Todes daraus zu schließen sein...Diese christliche Vollkommenheit ist es schließlich, um die ich flehe, bete und die ich allen wahren Gläubigen herzlich empfehle."

Während Clarke über Eph 3:14-21 predigte, deutete er den Ausdruck "erfüllt werdet bis zur ganzen Fülle Gottes" als eine Darstellung der Erfahrung der völligen Erlösung. "Es bedeutet,...dass das Herz von jeglicher Sünde und Befleckung entleert und gereinigt und mit Demut, Sanftmut, Freundlichkeit und Güte erfüllt wird...sowie Liebe zu Gott und den Menschen."

Clarke wusste, dass manche die Lehre Wesleys der völligen Heiligung ablehnen, weil "sie glauben, dass kein Mensch in diesem Leben von der Sünde völlig erlöst werden kann...Sie warten auf den Tod, als auf ihren völligen Befreier von aller Verderbtheit und als den endgültigen Vernichter der Sünde, als ob dieses auf jeder Seite der Bibel stünde! Jedoch gibt es keine einzige Bibelstelle in der Heiligen Schrift, die so etwas zum Ausdruck bringt! Wäre das wahr, dann wäre der Tod bei weitem nicht der letzte Feind, sondern der letzte und beste Freund und der Erhabenste aller Retter...Es ist einzig allein das Blut Jesu, das von aller Ungerechtigkeit reinigen kann."

Ein weiteres bekanntes Argument gegen christliche Vollkommenheit war die Behauptung, dass die innewohnende Sünde die Gläubigen demütigt und reumütig hält. Darauf erwiderte Clarke:

"Der Stolz geht aus dem Wesen der Sünde hervor...und ist die Wurzel jeglicher Unredlichkeit. Wie sollte uns dann der Stolz demütigen können? In dem Herzen, aus dem der Stolz vertrieben wurde, wurde die Demut, Sanftmut und Güte Christi an dessen Stelle eingepflanzt."

Zu dem Argument, dass ein Christ sicherlich durch Wahrnehmung der innewohnenden Sünde gedemütigt wird, erwiderte Clarke desweiteren:

"Ich gebe zu, dass die, welche ihre innewohnende Sünde erkennen, fühlen und beklagen, gedemütigt werden. Ist es aber die Sünde, die demütigt? Nein. Es ist die Gnade Gottes, welche die Sünde aufdeckt und verurteilt, die uns demütigt...Wir werden nie durch die Wahrnehmung der innewohnenden Sünde gedemütigt, es sei denn, dass der Geist Gottes sie ans Licht bringt und uns nicht nur ihre entsetzliche Verdorbenheit zeigt, sondern auch ihre Feindschaft Gott gegenüber; und uns offenbar werden lässt, dass Er sie hinweg nehmen kann."

Auf den Einwand erwidernd, dass diese Lehre Selbstgerechtigkeit in seinen Bekennern bewirke, bezeugte Clarke:

"Niemand, der sich so verhält, hat jemals diese Gnade erlangt. Er ist entweder ein Heuchler oder ein Selbstbetrüger. Jene, die sie erlangt haben...lieben Gott von ganzem Herzen, sie lieben sogar ihre Feinde...Sie gehen völlig auf im Glanze der Heiligkeit Gottes...Es ist mir kein geringer Segen, dass ich auf meiner religiösen Laufbahn mit vielen Personen zusammentraf, die bekannt haben, das Blut Christi habe sie von aller Sünde befreit, und deren Bekenntnis durch ein makelloses Leben aufrechterhalten wurde, jedoch wüsste ich von keinem, der nicht solchen Geistes gewesen war wie oben beschrieben wurde. Sie waren Menschen von stärkstem Glauben, reinster Liebe, heiligster Zuneigungen, gehorsamstem Wandel und der Gesellschaft am dienlichsten."

Adam Clarke schrieb, predigte und legte die Lehre der völligen Heiligung mit all seiner Erkenntnis der Heiligen Schrift, sprachlichen Geschicklichkeit und seiner umfangreichen theologischen Belesenheit aus; jedoch verdient ein Merkmal seiner Darstellung besondere Aufmerksamkeit. Er glaubte nicht nur daran, dass sie eine biblische Lehre und geistlich gut fundiert sei, er setzte sie in die Tat um, und erklärte und verteidigte sie mit aller Leidenschaft eines Evangelisten. Wann immer er das Thema anschnitt, war sein Hauptanliegen nicht nur, dass die Christen daran glauben und von dessen Wahrhaftigkeit überzeugt seien, sondern auch persönlich die Erfahrung beanspruchen, erfassen, ausleben, sich darin erfreuen und dieselbe bezeugen sollten.

"Wenn Menschen so viel Zeit damit verbringen würden, Gott inbrünstig anzurufen (d.h. damit Er sie völlig heiligt) wie sie sie damit zubringen, die Lehre herabzusetzen, welch einen glorreichen Zustand der Gemeinde sollten wir dann bald miterleben können...Augenblicklich können wir von der Sünde entleert, mit Heiligkeit erfüllt und wahrhaftig glücklich werden...Die Vollkommenheit des Evangeliums berücksichtigt nicht die Sünde, sondern schafft eine Sühnung dafür; sie toleriert nicht die Sünde, sondern zerstört sie...Mögen alle, die die apostolische Lehre beibehalten... jeden Gläubigen dazu drängen, zur Vollkommenheit fortzufahren und hier auf Erden schon zur ganzen Fülle des Segens des Evangeliums Jesu gerettet werden.

Bist du der fleischlichen Gesinnung, welche eine Feindschaft mit Gott bedeutet, überdrüssig? Kannst du glücklich sein, währenddem du noch unheilig bist? Dann erhebe dich...es ist das Erstgeburtsrecht eines jeden Kindes Gottes von aller Sünde gereinigt zu sein, sich von der Welt unbefleckt zu bewahren und seinen Schöpfer nie mehr zu betrüben. Alles ist möglich dem, der glaubt, weil dem unendlich lobenswerten Blut und tatkräftigen Geist des Herrn Jesu alles möglich ist."

Es ist sicherlich nicht unpassend hier zu erwähnen, dass die Lehre, für die Adam Clarke sich so eifrig einsetzte, einen mächtigen Ausdruck in seinem eigenen Leben fand. Henry Moore, ein enger Vertrauter von John Wesley und Adam Clarke, sagte von Letzterem:

"In meinem Bekanntenkreis gab es wohl keinen tadelloseren Wandel als den des Dr. Clarke."

Im Hinblick auf Clarkes klare und begeisterte Darstellung der christlichen Vollkommenheit ist es nicht wenig überraschend, dass die gravierendeste Kritik über seine Lehre von Seiten der "Heiligkeitsbewegung" kam.

Clarke betonte fast ausschließlich die Augenblickssache der Heiligung und schloss eine Wachstumsphase völlig aus. "Nirgends in der Heiligen Schrift werden wir darauf hingewiesen, die Heiligung stufenweise zu suchen. Wir sollten Gott um eine augenblickliche und völlige Reinigung von aller Sünde bitten, sowie auch um eine augenblickliche Vergebung."

Auszug aus "Adam Clarke: Holiness Saint and Scholar" von Herbert McGonigle