Einwendungen gegen ein heiliges Leben widerlegt

Gegen die Lehre der Befreiung von Sünden und eines heiligen, sündenfreien Lebens werden vielfach mancherlei Einwendungen gemacht. Sofern solche Einwendungen aufrichtig gemeint und auf gewisse missverstandene Schriftstellen gestützt sind, sind sie es auch wert, betrachtet und erklärt zu werden; denn, werden solche Schriftstellen richtig verstanden und ausgelegt, stehen sie in völligem Einklang mit dem gesamten Heilsplan Gottes. Es gibt keine Widersprüche im Wort Gottes, somit auch nicht betreffs der Erlösung von Sünden.

Erster Einwand
"Denn es gibt keinen Menschen, der nicht sündigt." (1Kön 8:46). "Denn kein Mensch auf Erden ist so gerecht, dass er nur Gutes täte und niemals sündigte." (Pred 7:20).

Antwort: Diese Worte sind Aussprüche des Königs Salomo, der ungefähr eintausend Jahre vor Christus in einem Zeitalter lebte, da es unmöglich war, durch das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegzunehmen (Hebr 10:4). Doch gab es in jenem Zeitalter viele, die einen großen Glauben in Gott besaßen und, dem Maßstab jener Zeit entsprechend, einen sehr guten Lebenswandel führten. Sie alle waren Gott angenehm auf Grund ihres Glaubens und ihrer übereinstimmung mit dem geoffenbarten Willen Gottes.

Die Erfahrung der Wiedergeburt jedoch, die Neugeburt der Seele, durch die Menschen zu "neuen Kreaturen" werden, konnte in jenen Tagen nicht gemacht werden; deshalb behaupteten die Menschen jener Zeit auch nicht, ein sündenfreies Leben zu führen. Der Plan der Erlösung von der Macht der Sünde durch Christus war ein "Geheimnis", "das von den Zeitaltern her in Gott, der alle Dinge geschaffen hat, verborgen war" (Eph 3:9) … das aber im Evangeliumszeitalter "seinen Heiligen geoffenbart worden ist" (Kol 1:26) … Die Propheten sahen im Geist die Erlösung kommen, doch persönlich haben sie dieselbe nicht erfahren. Petrus gibt darüber eine klare Erklärung, indem er an die Brüder des neuen Zeitalters schreibt: "Und so erlangt ihr das Ziel eures Glaubens: die Rettung der Seelen. Im Hinblick auf diese Rettung suchten und forschten die Propheten, die über die an euch erwiesene Gnade weissagten. Sie forschten, auf welche oder auf was für eine Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er die Leiden, die auf Christus kommen sollten, und die Herrlichkeiten danach vorher bezeugte. Ihnen wurde es geoffenbart, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienten … " (1Petr 1:9-12).

Damit wird klargestellt, dass eine Heilserfahrung, wie wir sie gegenwärtig durch Christus erlangen können, vor Christi Kommen nicht erlangt werden konnte, auch von den Propheten nicht, wenngleich sie davon geschrieben haben.

Menschen, welche die Möglichkeit eines sündenfreien Lebens leugnen, berufen sich gerne auf Pred 7:20, wo es heißt: "Denn kein Mensch auf Erden ist so gerecht, dass er nur Gutes täte und niemals sündigte." Weshalb aber lässt man die Schriftstelle in 1Jo 3:9 unbeachtet, wo es heißt: "Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde"? Oder besteht zwischen diesen zwei Stellen wirklich ein Widerspruch? Dem Wortlaut nach wohl, aber nicht, was den Erlösungsplan Gottes anbelangt, denn Salomo schrieb im alttestamentlichen Zeitalter, während Johannes im Zeitalter des Neuen Testaments schrieb. Die Grundlage für die übereinstimmung dieser Schriftworte liegt in folgender Tatsache: "Das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde." (1Jo 1:7).

Zweiter Einwand
Die persönliche Erfahrung des Paulus, wie er sie im siebten Kapitel des Römerbriefes beschreibt: "Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht. Denn das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde. Ich finde also das Gesetz, dass bei mir, der ich das Gute tun will, [nur] das Böse vorhanden ist. Ich elender Mensch!"

Antwort: Ein eingehendes Studium des ganzen Kapitels zeigt klar, dass Paulus hier seinen Zustand und seine Erfahrung unter dem Gesetz Moses beschreibt, ehe er Christus gefunden hatte. Zuerst spricht er von seinem Zustand im Kindesalter, als er noch "ohne Gesetz" lebte und noch nicht wusste, dass das Gesetz sagt: "Du sollst nicht begehren!" Später aber, als "das Gebot kam", als er über das Gesetz Erkenntnis bekam, "lebte die Sünde auf; ich aber starb" (Verse 7-13). Das Gesetz, unter dem er erzogen wurde, war insofern gut, als es bestimmte, was Sünde ist und ihm seinen sündenverdorbenen Zustand offenbarte; Befreiung und Erlösung von der Sünde brachte es ihm jedoch nicht. Deshalb rief er aus: "Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes?" Seine Antwort auf diese Frage lautet: "Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!" (Verse 24 und 25).

Jener Saulus, der mit großem Eifer das Gesetz verteidigte und die Gemeinde Gottes verfolgte, befand sich in dem Sündenzustand, wie er selbst ihn in Römer 7 beschrieben hat. Der Christ Paulus jedoch konnte mit freudigen Worten bezeugen: "Also [gibt es] jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, [tat] Gott, indem er seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt wird in uns, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln." (Röm 8:1-4). Welche Erfahrung möchtest du besitzen, lieber Leser, die des Saulus oder die des Paulus? Nachdem Paulus selbst von der Macht der Sünde durch Christus befreit war, lehrte er auch ein sündenfreies Leben. "Sollten wir in der Sünde verharren, damit die Gnade zunehme? Das sei ferne! Wir, die wir der Sünde gestorben sind, wie werden wir noch in ihr leben?" (Röm 6:1-2). "Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade." (Vers 14).
Diese Schriftstelle erklärt den ganzen Sachverhalt: Unter dem Gesetz hatte die Sünde Herrschaft über den Menschen; unter der Gnade herrscht Gottes Volk über die Sünde. Unter dem Gesetz konnte sehr wohl gesagt werden: "Denn kein Mensch auf Erden ist so gerecht, dass er nur Gutes täte und niemals sündigte", aber unter der Gnade heißt es: "Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde." "Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden." (Joh 1:17). Ja, "die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen, und unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in dem jetzigen Zeitlauf." Weshalb? Weil Christus "sich selbst für uns gegeben [hat], damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit … " (Tit 2:11-14).

Dass Paulus sich nicht mehr in dem Sündenzustand befand, wie er ihn in Römer 7 schildert, als er das Kapitel schrieb, kann noch durch andere Tatsachen bewiesen werden. Der Römerbrief wurde ungefähr um das Jahr 60 n.Chr. verfasst. Schon sechs Jahre vor dieser Zeit (54 n.Chr.) führte Paulus einen weit höheren Lebenswandel als das. Damals schrieb er nämlich an die Thessalonicher: "Ihr seid Zeugen und Gott, wie heilig und gerecht und untadelig wir gegen euch, die Glaubenden, waren." (1Thes 2:10). War er etwa rückfällig geworden und schrieb den Römerbrief im abgefallenen Zustand? Gewiss nicht, denn im gleichen Jahr, 60 n.Chr., in dem er den Römerbrief schrieb, bezeugte er vor dem Hohen Rat: "Ich bin mit allem guten Gewissen vor Gott gewandelt bis auf diesen Tag." (Apg 23:1). Wenige Tage später sagte er: "Darum übe ich mich auch, allezeit ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen." (Apg 24:16). So hat er auch späterhin weder Gott noch Seine Sache verunehrt durch Begehen von Sünde, denn noch kurz vor seinem Tod, etwa sechs Jahre später, bezeugte er: "Die Zeit meines Abscheidens steht bevor. Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt." (2Tim 4:7).

Einwendungen, die auf andere Schriftstellen gestützt sind (z.B. Röm 3:10), sind gleichen Charakters, denn fast ausnahmslos beziehen sie sich auf alttestamentliche Verhältnisse, und nicht auf den neutestamentlichen Maßstab der Erlösung.

Jene Lehre, die dafür eintritt, dass Christen nicht ohne Sünde leben können, verdankt ihre Entstehung entweder einem ganz verkehrten Herzenszustand oder einem völligen Missverständnis neutestamentlicher Grundwahrheiten. Denn die Wahrheit der biblischen Lehre widerlegt alle Einwände gegen Heiligkeit. Ein richtiges Verständnis des Unterschiedes zwischen dem alten und neuen Bund wird auch Klarheit vermitteln über das gegenwärtige Verhältnis des Volkes Gottes zur Sünde.

F.G. Smith