Ihr sollt vollkommen sein!

Nachdem Gott die Erde in Liebe erschaffen hatte, betrachtete Er sie mit durchdringenden, flammenden Augen, und sah, dass alles, was Er gemacht hatte, „sehr gut“ war. Der Mensch selbst durfte der Herrlichkeit des von Gott selbst begutachteten Werkes teilhaftig werden. Kurz darauf verlor er jedoch auf tragische Weise durch die verdorbene Macht der Sünde sein Anrecht auf Vollkommenheit.

Dieser Verlust ist äußerst beklagenswert und entsetzlich. Allerdings scheint es, dass Menschen, besonders jene, die in der Ausübung der allgemein bekannten christlichen Religion verstrickt sind, sich an das beschämend bittere Schandmal der Unvollkommenheit gewöhnt haben. Nicht, dass sie sich nur daran gewöhnt haben, sondern diese Menschen haben es voll und ganz ergriffen und lehnen die Idee ihrer Vollkommenheit heftig ab. Das bewahrheitet sich insofern, dass sie extrem unwillig sind, ihre jämmerliche Unvollkommenheit mit der Vollkommenheit auszutauschen, die Adam genießen durfte, ehe er aus dem Garten Eden vertrieben wurde. Trotz aller Bemühungen des Menschen zu leugnen, dass Vollkommenheit in diesem Leben möglich sei, erklärt die Heilige Schrift diese Behauptung als nicht nur möglich, sondern als lebenswichtig.

Es ist sehr wahr, dass es absolut unmöglich ist für jemanden, in sich und aus sich selbst vollkommen zu sein. Nichtsdestoweniger steht die Wahrheit der Vollkommenheit Gottes fest. Zudem ist es ein erhabenes Wunder des Evangeliums und Blutes Jesu Christi, den Menschen von der elenden moralischen Belastung des menschlichen Zustandes in die vollkommene Gerechtigkeit Gottes umzuwandeln. Das Wesen Gottes ist vollkommen. Durch die Erlösung sind wir dieser göttlichen Natur teilhaftig geworden (2Pt 1:4). Das ist das einzige Mittel zu unserer Vollkommenheit. Somit werden wir sowohl Seiner Vollkommenheit als auch Seiner Heiligkeit (Hebr 12:10) „teilhaftig“. Diese Vollkommenheit ist die Folge davon, dass wir „in Christus“ sind und Christus in uns wohnt.

Die Bibel ruft unmissverständlich und ernsthaft zur Vollkommenheit der Heiligen auf. In der Tat besteht die Heilige Schrift sogar auf Vollkommenheit. Jesus sprach: „Darum sollt ihr vollkommen sein“ (Mt 5:48). Damit wird eindringlich zur Vollkommenheit ermahnt. Darüber hinaus wird im selben Vers ein Maßstab gegeben, an dem wir unsere Vollkommenheit messen können, nämlich „gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist“. Welch eine hohe Berufung! O, das Wunder der Erlösung, das ein verkrüppeltes, entstelltes und verdorbenes Wesen derart umwandeln kann, um es dann „vollkommen in Christus Jesus“ und „vollkommen und erfüllt mit allem Willen Gottes“ (Luth.Üs.) darzustellen (Kol 1:28, 4:12). Das bedeutet also, dass wir von allen Sünden gereinigt sind und über eine Kraft verfügen, die uns dazu befähigt, nicht wieder sündigen zu wollen. Das ist biblische Vollkommenheit. Diese Vollkommenheit bedeutet, dass wir durch die Gnade Gottes dazu befähigt werden, uns Gott völlig zu weihen und auf diese Weise unser Herz und unseren Willen mit dem „gute[n] und wohlgefällige[n] und vollkommene[n] Wille[n] Gottes“ in Einklang zu bringen (Röm 12:2).

Das heißt nicht, dass wir zum vollen Maß der Vollkommenheit Gottes gelangen. Unsere Menschlichkeit schützt uns nämlich nicht vor Fehlern und Versehen. Der Älteste D.S. Warner schrieb:

Man sieht eindeutig, dass die Vollkommenheit, die den erlösten Seelen bereitgestellt wird, eine völlige, moralische Wiederherstellung der Folgen des Abfalls bedeutet. Nicht eine physische oder geistige Wiederherstellung, die erst bei der Auferstehung stattfindet...Die christliche Vollkommenheit liegt in der Art und Weise und nicht im Maße. In anderen Worten, es ist die Vervollkommnung unserer moralischen Natur und nicht die Entwicklung oder der Wachstum unserer Kraft. (Bible Proofs of the Second Work of Grace, p.16).

Es übersteigt fast unser Begriffsvermögen, dass das edelste Bestreben der Menschheit von den sogenannten Christen verschmäht wird. Selbst der Gedanke, dass man von der moralischen Zerstörung der Sünde und Verderbtheit völlig frei sein kann, ist herrlich.

Das ist die Vollkommenheit, die die Propheten in ihren Visionen der Zukunft gesehen haben. „Denn das Gesetz hat nichts zur Vollkommenheit gebracht,…[sondern] die Einführung einer besseren Hoffnung“ (Hebr 7:19). „Denn was dem Gesetz unmöglich war – weil es durch das Fleisch kraftlos war –, das tat Gott, indem er seinen Sohn sandte in der gleichen Gestalt wie das Fleisch der Sünde und um der Sünde willen und die Sünde im Fleisch verurteilte“ (Röm 8:3). Welch eine gesegnete Verurteilung der Unvollkommenheit! Durch die lieblichen Worte „Es ist vollbracht!“ wurden der Unvollkommenheit und Verderbtheit das Todesurteil gesprochen. „Denn mit einem einzigen Opfer hat er die für immer vollendet, welche geheiligt werden.“ (Hebr 10:14).

Abschließend zitieren wir Judas, der, vom Heiligen Geist bewegt, Worte schrieb, die in jedem aufrichtigen Herzen ein ernsthaftes Verlangen hervorrufen sollten: „Dem aber, der mächtig genug ist, euch ohne Straucheln zu bewahren und euch unsträflich, mit Freuden vor das Angesicht seiner Herrlichkeit zu stellen, dem allein weisen Gott, unserem Retter, gebührt Herrlichkeit und Majestät, Macht und Herrschaft jetzt und in alle Ewigkeit! Amen.“ (Jud 24-25). Das ist die Vollkommenheit, die die Heilige Schrift lehrt. Die einzig gültige Heilserfahrung ist die, welche die Wahrheit dieser Verse im praktischen Leben verkörpert.

Nicht länger mehr wird der Mensch dem fortwährenden moralischen Versagen willkürlich überliefert. Es ist möglich und notwendig, so vollkommen wie der Meister zu sein (Lk 6:40), der „in allem versucht worden ist in ähnlicher Weise [wie wir], doch ohne Sünde“ (Hebr 4:15).

Lieber Leser, vor allem anderen im Leben, sei vollkommen! (2Kor 13:11).

Br. Benjamin Tovstiga