Der Tag des Gerichts

Versuchen wir uns einmal die Majestät und das Grauen des allgemeinen Schreckens am Tag des Jüngsten Gerichts zu vergegenwärtigen. Während die Toten in ihren stillen Gräbern ruhen, die Lebenden gedankenlos und unbesorgt über das gewaltige Ereignis sind oder anderem Streben nachjagen, einige mitten in der Nacht schlafen, einige den sinnlichen Freuden, dem Essen und Trinken, Heiraten und Verheiraten hingegeben sind, einige bei der Planung oder Ausführung eines Vorhabens sind, um Reichtümer oder Ehre zu erlangen, einige gerade eine Sünde verüben, die Allgemeinheit einfältig und gleichgültig darüber ist, was die Ewigkeit betrifft – wobei doch der schreckliche Tag so nahe bevorsteht – und nur wenige hier und da mit ihrem Gott Gemeinschaft pflegen und sich nach der glorreichen Erscheinung ihres Herrn und Heilandes sehnen, während der Lauf der Natur eintönig und wie gewohnt planmäßig abläuft, nehmen ungläubige Spötter daran Anstoß, indem sie fragen: „Wo bleibt die Verheißung Seines Kommens?“ Kurzum, während es keine weiteren sichtbaren Anzeichen des herannahenden Tages gibt wie bei der Zerstörung Sodoms, als Lot an jenem klaren Morgen entfloh oder wie bei der Sintflut, als Noah in die Arche hineinging: Gerade in dieser Stunde der unbesorgten Geborgenheit werden sich die Himmel über der erstarrten Welt plötzlich aufreißen und über den Häuptern ein beängstigendes Schmettern, wie ein Donnerschlag am klaren Himmel, hereinbrechen.

Augenblicklich richten dann die Lebenden ihre starrenden Augen auf das erstaunliche Phänomen: Mit Entzücken vernehmen etliche den lang erwarteten Schall und erheben freudig ihre Häupter, überzeugt davon, dass der Tag ihrer Erlösung gekommen ist, während die unachtsame Welt vom wildesten Schrecken und von Bestürzung geschlagen ist. Alsbald erreicht der Schall alle Wohnstätten der Toten und sofort, in einem Augenblick, werden die Toten auferweckt und die Lebenden verwandelt sein. Dieser Aufruf wird für alle Menschenkinder so anregend sein wie die Aufforderung: „Lazarus, komm heraus!“ an eine einzelne Person. Oh, welch eine Überraschung wird es für die unachtsame Welt sein! Sollte dieser Alarm in diesem Augenblick über unsere Häupter ausbrechen, mit welch einem Entsetzen würde es viele in dieser Versammlung treffen? Genauso wird auch die panische Angst und Bestürzung sein, wenn es tatsächlich eintrifft. Sünder werden an jenem Tage dieselben ängstlichen, selbstverurteilten Geschöpfe sein wie sie es heute sind. Diejenigen, die heute allen zärtlichen Zurufen des Evangeliums gegenüber taub sind, werden dann ihre Ohren nicht verstopfen können.

Diejenigen, denen die Boten Christi heutzutage vergeblich predigen, werden dann durch den Posaunenschall Gottes gezwungen sein, zu hören und sich zu fürchten. Sie werden dann alle hören müssen, denn „alle, die in den Gräbern sind“ – ohne Ausnahme – „[werden] seine Stimme hören“. Die Stimme der Barmherzigkeit ruft heute zu, die Vernunft bittet und das Gewissen warnt; Scharen von Menschen hören jedoch nicht hin. Dies ist eine Stimme, die einen jeglichen der Millionen Menschen erreichen wird und muss, und nicht einer von ihnen wird seine Ohren verstopfen können. Säuglinge und Riesen, Könige und Untertanen, Menschen aus jedem Rang und Alter werden diesen Ruf vernehmen. Die Lebenden werden auffahren und verwandelt werden und die Toten bei dem Schall auferstehen. Der Staub, der einst lebendig wurde und menschliche Gestalt angenommen hatte – ob er in der Luft schwirrt, im Meer schwimmt oder auf der Erde dahinvegetiert – wird den ins Leben rufenden Befehl vernehmen. Wo auch immer die Überreste menschlicher Gestalten verstreut sind, dieser alles durchdringende Ruf wird sie erreichen und ins Leben zurückrufen. Wir können diese Stimme als einen Aufruf betrachten, der nicht nur den toten Leibern gilt, damit sie auferstehen, sondern auch den Seelen, welche einst diesen Leibern gehörten, um wieder mit ihnen vereint zu werden.

Dieser Aufruf wird sich in jeden Winkel des Universums erstrecken, und der Himmel, die Erde, die Hölle und all ihre Bewohner werden ihn hören und ihm gehorchen. Nun scheint es mir, als sähe und hörte ich die Erde erbeben, Leichenhallen lärmen, Grabmale bersten und Gräber sich öffnen. Nun beginnen die Völker unter der Erde sich zu regen. Ein Lärm und Beben entsteht unter den vertrockneten Gebeinen. Der Staub ist wiederum lebendig und gerät in Bewegung, der Erdball kracht und bebt wie bei einem Erdbeben, während sich dieses riesige Heer seinen Weg bahnt und ins Leben durchbricht. Die Überreste menschlicher Leiber sind weit und breit verstreut und haben viele erstaunliche Verwandlungen durchquert. Ein Glied ist in einem Land und das andere in einem anderen, hier der Kopf und da der Rumpf, während das Meer dazwischen braust.

Und nun werden sie beim Schall der Posaune, ganz gleich wohin sie zerstreut waren, wiederum eingesammelt, und richtig geordnet und vereint, ganz gleich wie durcheinandergeworfen sie gewesen waren – Atom zu seinem Atomgegenstück, Knochen zu seinem Knochengegenstück. Nun scheint es mir, als könnte man die Luft verdunkelt sehen mit den von Land zu Land fliegenden Körperteilen, die auf dem Weg sind, sich mit ihren passenden Gegenstücken zu vereinigen:

Zerstreute Glieder und all
die verschiedenen Knochen, unterwürfig dem Schall,
selbst-bewegend, dringen vor. Der Nacken, auf dass er vielleicht
den entfernten Kopf, die entfernten Beine, die Füße erreicht.
Furchtbar anzuseh‘n, durch den dämmernden Himmel man sieht
Teile von Körpern in Verwirrung fliegen, Glied für Glied,
reisend zu entfernten Regionen, zu fordern an dortiger Stätt‘,
verlassene Glieder, auf dass der Körper sei komplett.
Der getrennte Kopf und der Rumpf werden sich verbinden noch einmal,
auch wenn jetzt Welten dazwischen aufsteigen, und Ozeane brausen zumal.
Jedes umherschwirrende Stäubchen wird hören der Posaune Schall,
ob auf Erden festgesetzt, ob umherschwirrend in Luft und All,
wird gehorchen dem Signal, dahergeweht im Wind,
und nicht einmal ein schlafendes Atom man dann zurückgeblieben find‘.

Auszug aus einer Predigt über den Tag des Gerichts – aus: The Columbian Orator