Der Wolf und das Lamm

"Und der Wolf wird beim Lamm weilen." Jes 11:6
"Wolf und Lamm werden zusammen weiden." Jes 65:25

Die Anhänger der Millenniumslehre warten auf eine buchstäbliche 1000-jährige Herrschaft auf der Erde, wo Wölfe und Lämmer buchstäblich beieinander sein werden. Wenn wir unseren Blick über die beiden oben angeführten und bekannten Schriftstellen hinaus erweitern, und die Schrift in ihrem ganzen Umfang und Zusammenhang hinzuziehen, werden wir herausfinden, was diese bestimmten Verse in Wirklichkeit mitzuteilen versuchen. Wir werden eine wunderbare Wahrheit finden, die im Allgemeinen nicht verstanden wird, wenn wir nicht allein bestimmte Textstellen herausgreifen, wie es so viele tun, sondern das ganze Gebiet der biblischen Lehre zu diesem Thema untersuchen.

Wenn wir die Lehren Christi im Evangelium durchlesen, werden wir merken, dass Er, obwohl Er Sich irdischer Beispiele und Begriffe bediente - wie zum Beispiel wiedergeboren sein, Saat, Ernte, ein Königreich, eine Schafherde usw. - so hat Er sie gebraucht, um geistliche Dinge zu zeigen. Solch ein Gebrauch ist offensichtlich nicht wörtlich zu nehmen gewesen. Niemand würde behaupten, dass Christus wirkliche Lämmer meinte, als Er Petrus damit beauftragte Seine Lämmer zu weiden. Jeder würde damit übereinstimmen, dass sich die Wölfe in Schafskleidern auf Menschen bezogen. Christi Lehren über diese Dinge sind zu verständlich, um missverstanden zu werden. Aber wenn wir zu unseren beiden oben angeführten Textstellen kommen, werden sie heute von vielen buchstäblich genommen, als würde das Alte Testament keine symbolische Sprache gebrauchen, so wie Christus es tat. Gott gebrauchte durch die alten Propheten Symbole um zukünftige Ereignisse vorauszusagen und den verdorbenen Zustand des sündigen Menschen zu beschreiben. Lasst uns einige Symbole aufzählen, die in der Bibel im Bezug auf die Menschheit zwecks ihrer Beschreibung verwendet werden.

Wölfe - Mt 7:15, Apg 20:29
Lämmer - Joh 21:15
ein Fuchs - Lk 13:32
Schafe - Ps 100:3, Joh 10:14
(Ziegen)böcke - Mt 25:32
Schlangen - Mt 23:33, Lk 3:7
Hunde - Jes 56:10-11, Ps 22:16
Stiere - Ps 22:13
Vierfüßige und kriechende Tiere und Vögel - Apg 10:12

Unser Leser wird durch das Lesen dieser und anderer Verse erkennen, dass Texte weder aus dem Alten noch aus dem Neuen Testament in ihren Lehren der symbolischen Sprache fremd sind. Sogar in unserer Zeit nennen Menschen andere Menschen nach bestimmten Tieren, die trefflich zur Handlungsweise ihrer Persönlichkeit passen. Auch Christus selbst wird in einem Sprachbild als "der Löwe aus dem Stamm Juda" genannt, um uns auf diese Weise Seine Macht und die Furcht einflößende Bedrohung darzustellen, den Er für alles üble bedeutet. Von dem Besessenen aus dem Gadarenerland wurde gesagt, dass er bösartig war und niemand ihn bändigen konnte - Ausdrücke, die zu seinem tierischen Verhalten passen (Mt 8:28, Mk 5:4). Alle diese Dinge berücksichtigend, gibt uns die Schrift also keinen Grund, damit anzufangen, buchstäblichen Sinn dort hineinzulegen, wo doch die Lehre des Neuen Testaments und der Kontext die lächerlichen Gedanken widerlegen, die ohne jede Notwendigkeit so populär geworden sind.

In Christus werden wir zu einer neuen Schöpfung. Das Innere unseres Herzens ist völlig neu geschaffen worden, insofern dass jene, die in Vergangenheit von Natur aus Feinde waren, jetzt in Frieden miteinander leben können. Dieses ist das wahre Geheimnis vom Wolf und vom Lamm. Erlösung ändert das Herz und die Natur so sehr, dass zwei vollkommen unterschiedliche und gegensätzliche Menschen jetzt in göttlicher Liebe vereint sein können. Die Nachahmung des Christentums ist so weit von wahrer, biblischer Erlösung und Geistlichkeit abgekommen, dass solche Dinge unmöglich geschehen können. Die einzige Auslegung, die folglich nahe liegt, ist fleischlicher Natur. Diese Religion des einundzwanzigsten Jahrhunderts tendiert dahin, der gefallenen Menschheit gefällig zu sein und passt gut in ihre Star-Wars-artigen Märchen.

Wenn wir nur das elfte Kapitel in Jesaja lesen würden, so könnten wir deutlich sehen, dass hier eindeutig die Rede von dem ersten Kommen Christi ist. "Und ein Spross wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen. Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn…" Die Verse fahren damit fort von Christus zu sprechen, und sagen dann plötzlich: "Und der Wolf wird beim Lamm weilen…" Das Opfer Christi bricht "die Scheidewand der Trennung" ab zwischen dem Wolf und dem Lamm, dem Juden und dem Griechen, dem Schwarzen und dem Weißen, usw.

Erinnerst du dich an die Vision des Petrus auf dem Dach des Hauses? Der Herr zeigte ihm jede Art von Tieren zusammen in dem Tuch. Dieses beschreibt das, worauf sich Jesaja Kapitel 11 und 65 beziehen. Alle, die in dem Tuch waren, verweilten zusammen in Frieden, obwohl sie von Natur aus einander sehr gegensätzlich waren. Petrus macht später deutlich, dass Gott ihm gerade durch diese Vision zu erkennen gab, dass keiner gemein oder unrein genannt werden sollte. Alle Lebewesen in der Vision des Petrus stellten die Menschheit dar, das Versammeln der Kinder Gottes von jeder Nation. Wenn heutzutage jemand eine ähnliche Vision wie Petrus bekäme, würde er es höchstwahrscheinlich buchstäblich nehmen, ein Buch darüber schreiben, sich bemühen die Bibel zur Bestätigung dieses Betruges zu gebrauchen und es dann für ein paar Millionen verkaufen.

Aber um unsere These noch klarer zu machen, sagt die Schrift sowohl in Jesaja Kapitel 11 und 65, "man wird nichts Böses und nichts Schlechtes tun auf meinem ganzen heiligen Berg." Was ist der heilige Berg? Die Schrift macht auch dieses so unmissverständlich klar, dass wir in dieser Sache nicht verwirrt zu sein brauchen. Der heilige Berg, das neue Jerusalem, ist nichts anderes als die Gemeinde des lebendigen Gottes oder die Schar der blutgewaschenen Heiligen, die von aller Sünde heraus in Christus berufen worden sind. "Sondern ihr seid gekommen zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem; und zu Myriaden von Engeln, einer Festversammlung; und zu der Gemeinde der Erstgeborenen…" Heb 12:22-23.

Offb 21:10 gebraucht auch die Sprache des Hebräerbrief-Schreibers, wenn er von der Braut Christi spricht: "Und er führte mich im Geist hinweg auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem…". Der heilige Berg, die Stadt des lebendigen Gottes und das neue Jerusalem waren in der Zeit der Apostel gemäß ihrer eigenen Worte eine gegenwärtige Realität. Viele aufrichtige Menschen haben diesen Gegenstand vielleicht noch nie in diesem Licht gesehen. Schuld daran ist der abgefallene Zustand ihrer geistlichen Umgebung, in dem sich die ganze Welt befindet. Gott gebe, dass die ganze herrliche Wahrheit der Bibel sich noch vielen Seelen in dieser letzten Zeit auftun möge.

Im Licht all dessen, was wir hier gezeigt haben, ist es ganz deutlich zu sehen, dass das gemeinsame Verweilen des Wolfes und des Lammes sich auf die Zeit bezieht, wenn Christus der Menschheit die volle Erlösung bringen und die lange bestehenden Spaltungen zwischen ihnen abbrechen würde. Diese Dinge sind in dem Versammeln aller Blutgewaschenen erfüllt, die von verschiedenen Vergangenheiten, Rassen und Ländern kommen - ein Sammeln von Seelen, die einst so verschieden waren, dass sie nie miteinander auskommen könnten, es sei denn, dass sie durch dass Blut Christi einander nahe gebracht würden. Es besteht ein großes, menschlich unmögliches Wunder in der Einheit eines vormals diskobegeisterten Jungen, des kuhmelkenden Landvolkes und eines harten Rockers.

Das Erweisen der Kraft und Liebe Gottes liegt nicht in einem zukünftigen Miteinanderleben von buchstäblichen Wölfen und Lämmern, sondern in einer gegenwärtigen, friedlichen Koexistenz denkender und fühlender Menschen, die in Christus durch die Erlösung zu neuen Schöpfungen gemacht worden sind.

Jason Hargrave