Die Wahrheit zurückhalten

"Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten." (Röm 1:18).

Die Bedeutung des ursprünglichen Begriffes niederhalten ist zurückhalten oder unterdrücken. Der Gedanke hier ist, dass der Mensch den rechtmäßigen Einfluss der Wahrheit zurückhält, und sie nicht die eigentliche Herrschaft über seinen Willen haben lässt.

Der menschliche Sinn ist so eingerichtet, dass Wahrheit sein natürlicher Antrieb ist. Dieser Antrieb der Wahrheit würde, wenn er nicht unterdrückt und zurückgehalten wäre, den Verstand natürlicherweise dahin führen, Gott zu gehorchen. Der Mensch hält die Wahrheit durch seine Ungerechtigkeit zurück, wenn er aus selbstsüchtigen Gründen ihren natürlichen Einfluss auf ihn beherrscht und unterdrückt und ihr nicht erlaubt, Besitz von seinem Verstand zu ergreifen und darauf Einfluss auszuüben!

Das Erfassen moralischer Wahrheit, die Gott betrifft, macht es unmöglich, sich gleichgültig darüber hinwegzusetzen. Wenn man einmal Gottes Forderungen erkannt hat, kann man es nicht vermeiden, dass man sich auf die eine oder andere Weise nach ihnen richtet. Du könntest nicht niederträchtiger handeln, als stehen zu bleiben, nachdem du deine Pflicht erkannt hast, und dich in deiner Gesinnung vom Gehorsam fernzuhalten. Du lehnst deine ganze Pflicht Gott gegenüber ab und sagst praktisch zu Ihm: "Weiche von mir, denn ich habe kein Verlangen danach, deine Wege zu erkennen." Bist du da nicht äußerst niederträchtig, bei all dem Licht, das du zu der Zeit haben magst? Welche schlimmere Tat könntest du begehen?

Lasst uns diese Sache noch ein wenig weiter betrachten. Die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederzuhalten bedeutet, das Moralgesetz völlig abzulehnen. Dieses muss der Fall sein, denn wenn dem Menschen Licht betreffs der Bedeutung dieses Gesetzes aufgeht, er es abweist und seinen Forderungen widersteht, sagt er somit eigentlich: Dies Gesetz gilt nicht für mich.

Indem er so dem Einfluss der Wahrheit widersteht, verweigert er praktisch alle Verpflichtungen Gott gegenüber. Die Wahrheit steht ihm vor Augen, er empfindet seine Verpflichtung, aber er hält seinen Sinn vor ihrem Einfluss zurück.

Und nun, meine verstockten Zuhörer, was sagt ihr? Wenn man euer Verhalten Gott gegenüber in einfacher Sprache ausdrücken wollte, würde es so lauten: "Du, Herr, rufst mir zu, Buße zu tun. Ich aber weigere mich. Du strebst danach, meine Verpflichtung Buße zu tun, durch mannigfaltige Wahrheiten geltend zu machen. Ich halte diese Wahrheiten von ihrem rechtmäßigen Einfluss auf meinen Sinn zurück. Du bestehst auf meine Unterwerfung vor deiner Autorität. Ich werde so etwas nicht tun."

Dieses ist, wie du siehst, eine übersetzung deines gegenwärtigen Lebens und Verhaltens Gott gegenüber in einfache Worte. Wenn du wirklich dein Angesicht zum Himmel erhöbest und diese Worte äußertest, wäre es Lästerung. Wie denkst du jetzt darüber? Gibst du nicht zu und behauptest oft, dass Handlungen lauter sprechen als Worte? Entsprechen sie nicht eher der Wahrheit? ?

Charles Finney