Eine geheime Entrückung?

Der Ort des Schauspiels ist eine vollbesetzte Boeing über dem Atlantik. Die Passagiere sind zum größten Teil am Schlafen. Plötzlich aber verschwinden einige. Nach und nach schreien hinterbliebene Passagiere furchterregt auf, wenn sie feststellen, dass ihre Sitzpartner fehlen. Eltern sind außer sich, weil alle Kinder verschwunden sind.

Obwohl es nach Sciencefiction klingt, stammt diese Szene aus dem ersten Band der "Finale" Serie ("Left Behind") von Tim LaHaye und Jerry Jenkins. Diese sehr populären Bücher basieren auf der Theorie des Tausendjährigen Reichs, die lehrt, dass eine geheime Entrückung oder "ein Hinwegnehmen" der Christen stattfinden wird, bevor eine siebenjährige "Trübsal"einkehrt.

Es ist erstaunlich, wie Vertreter des Tausendjährigen Reichs diesen Zeitabschnitt der sieben Jahre erklären: die 70. Woche in Daniels prophetischer Vision (Dan 9:27) folgte nicht dem Kontinuum der vorhergehenden 69 Wochen. Weil die Juden den Messias nicht annahmen, glauben sie an eine "Lücken" - Theorie, nämlich dass das Reich Gottes erst zu einem späteren Zeitpunkt kommen wird.

John Nelson Darby (1800-1882), Anhänger der Plymouth Brüder Sekte, entwarf die Theorie eines zukünftigen Tausendjährigen Reiches, welches er "Dispensationalismus" nannte, nach dem die Geschichte in verschiedene Zeitalter oder Epochen eingeteilt wird. Die letzte dieser Epochen wird vermutlich tausend Jahre sein, indem ein Reich hier auf Erden aufgerichtet wird. C. Scofield half durch seine Scofield Studienbibel dabei, diese Theorie zu popularisieren, die durch und durch mit Anmerkungen zum Thema des Tausendjährigen Reichs versehen ist.

Darby, so wie auch andere, behaupteten, dass das zweite Kommen Christi in zwei Etappen stattfinden würde - eine geheime Entrückung, dann das zweite Kommen Christi in Herrlichkeit nach einer siebenjährigen Trübsal.

Für ihre Theorie der geheimen Entrückung zitieren sie 1Thess 4:16-18; 5:1-2: "Denn der Herr selbst wird beim Befehlsruf, bei der Stimme eines Erzengels und bei dem Schall der Posaune Gottes herabkommen vom Himmel, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit beim Herrn sein. So ermuntert nun einander mit diesen Worten. Was aber die Zeiten und Zeitpunkte betrifft, Brüder, so habt ihr nicht nötig, dass euch geschrieben wird, Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht."

Die Tatsache, dass die Schrift darauf hinweist, dass Jesus kommen wird wie ein Dieb in der Nacht, deutet nicht auf eine unbemerkte oder geheime Ankunft, sondern auf Sein unerwartetes Erscheinen (Matth 24:44). In 2Petr 3:10 heißt es: "Es wird aber der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb (in der Nacht - engl. üs.); an ihm werden die Himmel mit gewaltigem Geräusch vergehen, die Elemente aber werden im Brand aufgelöst und die Erde und die Werke auf ihr im Gericht erfunden werden." Ohne Zweifel deutet diese Schriftstelle auf den Jüngsten Tag hin. Der Herr wird kommen wie ein Dieb in der Nacht - offensichtlich nicht unbemerkt, sondern unerwartet. Sie bezieht sich auf den gleichen Tag, von dem Paulus in 1Thess 4 spricht. Außerdem, wie kann dieses als ein unbemerktes Kommen bezeichnet werden, wenn es heißt, dass der Herr selbst vom Himmel herabkommen wird, und dieses Erscheinen von einem BEFEHLSRUF, von der STIMME eines Erzengels und von dem Schall einer POSAUNE begleitet wird!

Auch findet in diesen Schriftstellen kein Verschwinden der Christen statt. Es heißt, dass sie in den Wolken entrückt werden. Das bedeutet, auf gleicher Weise wie auch Jesus emporgehoben wurde und eine Wolke Ihn vor den Augen der Jünger hinweggenom-men hatte. Ein Engel verkündigte ihnen, dass Jesus auf gleicher sichtbarer Weise wiederkommen sollte (Apg 1:9-11).Betrachten wir nun den Zusammenhang in den Schriften des Paulus. Die Thessalonicher schienen etwas verwirrt zu sein über das, was mit denen geschehen würde, die schon im Glauben vorangegangen waren (V. 13). Paulus schreibt mit der Absicht, ihnen Klarheit zu schaffen über ihre Hoffnung der Auferstehung beim zweiten Kommen Christi. Er spricht diesen Punkt an, um die Heiligen damit zu trösten. Daher wird in diesem Text von der Auferstehung der Gottlosen nichts erwähnt. Das heißt aber nicht, dass zuerst eine Auferstehung der Gerechten stattfinden wird, und zu einem späteren Zeitpunkt eine Auferstehung der Gottlosen.

Einige, die eine geheime Entrückung vertreten, bezeichnen diese als "erste Auferstehung". Dieser Ausdruck ist hier aber fehl am Platz. Der biblische Begriff "erste Auferstehung" bezieht sich auf eine geistliche Auferstehung vom toten Zustand der Sünde (Eph 2:1; 1Tim 5:6) zu einem neuen Leben in Christus Jesus. Jedes wahre Kind Gottes erlebte dieses durch eine biblische Wiedergeburt, als Jesus uns errettet hat "aus der Macht der Finsternis und versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe" (Kol 1:13). Der Apostel Johannes beschrieb diese geistliche Auferstehung auf passender Weise: "Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen" - eine Auferstehung!

Die Ereignisse in 1Thess 4 deuten auf keinen Fall auf eine geheime Entrückung der Christen hin, dem andere Geschehnisse auf Erden noch folgen sollen, sondern auf das Ende aller Dinge hier auf Erden. Das Kommen, von dem hier die Rede ist, ist die weltweite Auferstehung der Gerechten und Ungerechten zur gleichen Stunde (Joh 5:28-29), in der alle zum Endgericht versammelt und alle Elemente mit großer Hitze verbrennen werden (2Petr 3:10). Dieser Posaunenschall Gottes ist identisch mit dem der letzten Posaune in 1Kor 15:51-54, bei deren Schall alle Leiber "in einem Nu, in einem Augenblick" in Unvergängliche und Unsterbliche umgewandelt werden. Irrtümlicherweise deuten einige auf eine geheime Entrückung, die in einem Augenblick stattfinden soll, dennoch bezieht sich diese Schriftstelle auf die Umwandlung der Leiber der auferstandenen Toten und der noch Lebenden beim zweiten Kommen Christi. 1Thess 4:1, 1Kor 15 und John 5:28-29 behandeln alle die Ereignisse des Jüngsten Tages. "Wundert euch darüber nicht, denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme (dieselbe Stimme wie in 1Thess 4) hören und hervorkommen werden: die das Gute getan haben zur Auferstehung des Lebens, die aber das Böse verübt haben zur Auferstehung des Gerichts" (Joh 5:28-29). Eine zweite Gelegenheit ist ausgeschlossen!

Auch sollte diese Lehre überprüft werden, da sie einen bestimmten Zeitpunkt für das zweite Kommen Christi (nach ihrer eschatologischen Lehre wäre es in Wirklichkeit ein drittes Kommen) setzt, indem sie behaupten, dass Er nach siebenjähriger Trübsal erscheinen wird, um dann ein tausendjähriges Reich aufzurichten.

Wie schmerzlich ist es, dass eine unbiblische Lehre wie diese in unserer Zeit solch großen Anklang findet.

Wie die früheren Juden falsche Vorstellungen vom kommenden Messias hatten, so klammert sich auch heute, da wir am Rande der zweiten Wiederkunft Christi stehen, ein Großteil der bekennenden christlichen Welt an populäre, irrtümliche Annahmen. Die gesamte Systematik der Tausendjährigen-Reichs-Lehre basiert auf einer falsch interpretierten Schriftstelle nach der anderen. Liebe Seelen, habt Acht, und lasst euch nicht von den Winden dieser falsche Lehre umhertreiben.

S. Mutch