Eine kompromissbereite Predigerschaft

Eine göttliche Berufung zur Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi ist die höchste Auszeichnung, die einem Menschen zuteil werden kann. Diese Berufung ist mit einer ernst zu nehmenden Verantwortung verbunden. Das ewige Los von Millionen von Erdbewohnern hängt von der Treue der Botschafter Gottes ab.

Ein Prediger, der Kompromisse schließt, verkündigt nicht den ganzen Ratschluss Gottes; er predigt nicht das volle Evangelium und wendet dieses Evangelium auch nicht auf die Herzen seiner Zuhörer an und auch sein eigenes Leben und Wesen misst nicht mit ihm auf.

Wird ein Prediger bezüglich der Veränderung der Moral angesprochen - was die Schrift klar lehrt - und hat er fortwährend nichts darauf zu erwidern, so kennzeichnet ihn dies als einen Sklaven der Zeit, einen Feigling voller Zugeständnisse. Prediger, die vorgeben fromm zu sein und Ungerechtigkeit gutheißen, stellen ein Gräuel dar, das allzu gewöhnlich geworden ist, wenn man das Wohl der Gemeinde und der Menschheit in Betracht zieht.

Zu viele Prediger werden von einem niedrigen, menschengefälligen Geist beherrscht. Sie gebieten dem hereinbrechenden Strom von Weltlichkeit und Formalität keinen Einhalt, welcher Tausende in endlose Qual mit fortreißt. Offensichtlich fürchten sie sich, "aus voller Kehle zu rufen und nicht zurück zu halten" und den Menschen ihre Sünden kundzutun.

Die Entwicklung in Richtung Welt ist erschreckend. Die oberflächliche Religion dieser Zeit mag noch Form und Glanz besitzen, aber die Tiefe fehlt ihr; es mangelt ihr an dauerhafter Qualität. Sie ist wie eine dünne Holzverkleidung, die bald brüchig wird und die unberührte Rauheit darunter zum Vorschein kommen lässt.

Der Geist der Welt wirkt dem gründlichen Werk des Evangeliums Verderben bringend entgegen, und indem Prediger von diesem Geist berauscht werden, werden sie für das Werk Gottes untauglich gemacht. Es gibt eine falsche Nächstenliebe, die es zulässt, dass Lässigkeit, Stolz und Weltlichkeit ungetadelt durchkommen. Das Winzermesser findet keine Verwendung an der Kanzel, offene übertretung von anerkannten Geboten wird geflissentlich übersehen und der Prediger ist gut ausgerüstet mit einem Vorrat an abgeschwächtem Mörtel, mit welchem er eine grenzenlose Schmiererei in altbewährter Weise anstellt, während seine irregeführten Bewunderer sich an süßen Worten, tadellose Ansprachen, blumigen Komplimenten, unaufrichtigen Gefälligkeiten und vorgetäuschten Freundschaften erfreuen. Eine scherzende, Spaß liebende, nach Bequemlichkeit trachtende, kompromissbereite Predigerschaft war noch nie dafür bekannt gewesen, dass sie eine Gelegenheit ergreifen würde, unbeliebte Wahrheiten von der Kanzel aus zu verkündigen. Sie rufen "Friede, Friede", wenn Alarm geschlagen werden müsste, und auf diese Weise können Seelen lautlos in die Grube hinabfahren. Welch eine Schuld werden sie an dem Großen Tag verantworten müssen!

Ein solcher Zustand ist nur die natürliche Folge des Tolerierens eines weltlichen Geistes in der Gemeinde. Aristokratie, Stolz, Leidenschaft, nutzloses Geplauder, "albernes Geschwätz und Witzelei", welche einen derart hohen Stellenwert in sozialen Kreisen einnehmen, können von den Geistlichen unmöglich erlaubt und gutgeheißen werden, ohne dass ernstzunehmende Nachwirkungen folgen. Wenn es dem Satan gelingt in Form von Gesellschaftsessen, Festen, Vergnügungen, Spielen, Theatervorführungen und dergleichen seinen Fuß in den Türspalt zu stellen, dann wird er bald sein übriges Wesen mit hineinzwängen, so dass der Wunsch nach Belehrungsstunden, Gebetsversammlungen und anderen Mitteln der Gnade – welche Frömmigkeit und geistliche Gesinnung vermehren sollten – vom Verlangen nach Vergnügen und Mode verdrängt wird.

Bei vielen religiösen Zusammenkünften scheint sogar die Atmosphäre mit Weltlichkeit und Kompromiss erfüllt zu sein. Prediger verwandeln die Kanzel in eine Bühne, um kunstfertig dramatische Episoden in Szene zu setzen. Bloße Höflichkeit wird für Religion gehalten und eine Mischung aus wissenschaftlichen Diskussionen und philosophischen Spekulationen, denen eine verwässerte Lösung "höherer Kritik" beigemischt wird, wird als Ersatz für das Evangelium Jesu Christi genommen. Folglich wird eine Vielzahl von Menschen, die im Dunkeln umhertappen und gleichgültig gegenüber ihrem geistlichen Zustand sind, auf ewig verloren gehen, es sei denn sie werden auf irgendeine Weise von ihrer Benommenheit aufgeweckt, die eine Folge davon ist, dass sie unter der Verkündigung eines verfälschten Evangeliums gesessen haben.

Eine oberflächliche Religion erfreut sich einer überaus großen Nachfrage. Die reine Wahrheit des Evangeliums ist zu tief greifend, sie verlangt zu viel für diese Zeit. Der Ruf einer widerspenstigen Nation aus alter Zeit wiederholt sich heute: " … Schaut uns nicht das Richtige! Sagt uns Schmeicheleien! Schaut uns Täuschungen!" (Jes 30:10).

Aber wo ist das Heilmittel zu finden? Es ist leicht die Schwäche und Formalität einer kompromissbereiten Predigerschaft festzustellen, aber es ist nicht so einfach ein wirksames Heilmittel anzuwenden. Es gibt eine Quelle des Lebens, der Kraft und der geistlichen Energie, mit der die Predigerschaft irgendwie in Berührung kommen muss. Das kann nicht bloß durch "verstärkte Aktivität" innerhalb der Gemeinde geschehen; nicht allein durch "das Vermehren der bereits erlangten Gaben"; nicht nur durch "größere Begeisterung" in der Gemeindearbeit.

1. Es muss eine tiefe Demütigung vor dem Herrn stattfinden; weltliche Verbindungen müssen aufgegeben werden; unbeständige Lebensweisen müssen in Ordnung gebracht werden. Für den Predigtdienst werden Männer gebraucht, die mit ganzer Seele dabei sind; Männer, die willig sind, jedes erforderliche Opfer für den Aufbau des Reiches des Erlösers zu bringen.

2. Prediger nach dem Urbild der Apostel sind nötig - Prediger, die eine klare Erfahrung der Heiligkeit haben und sich nicht fürchten dieselbe zu predigen; die unter der Salbung und Eingebung des Heiligen Geistes bleiben und bereit sind Mühe, Striemen und Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, die ein solcher Dienst mit sich bringen kann. Die ungesunde Sentimentalität der modernen Kanzel ist für die geistlich erleuchtete Gesinnung äußerst ermüdend. Reine und schriftgemäße Wahrheit, welche frei von menschlichen Ansichten geblieben ist – das ist das Mittel, durch welches Gott wirkt.

3. Was dieses Zeitalter dringend braucht sind mehr Prediger, die das Feuer der Erweckung brennend erhalten; die den Wert einer Seele höher einstufen als Geld und Ansehen; die Gefühle in der Religion nicht zu etwas Billigem werden lassen; die "Gesichter aus Stahl aufsetzen" gegen abwärtsziehende weltliche Vergnügen; und die den Grenzzaun zwischen der Gemeinde und der Welt aufrecht erhalten. Kein Prediger kann es sich leisten, seinen Einfluss, seine Zeit, Arbeit und Mittel für eine Religion zur Verfügung zu stellen, welche nicht das Evangeliumswahrzeichen der Schlichtheit und Reinheit trägt. Fromme Heuchler, gestützt durch einen unwiderstehlichen Ehrgeiz für Macht und Aufstieg, mögen für eine kurze Zeit Stärke und Hingabe vortäuschen, mögen ihre Bewunderer um sich scharen, Sympathie und Unterstützung für sich gewinnen, aber ihr Lauf ist üblicherweise nicht von Dauer, und wenn diese Heuchelei einmal offenbar geworden ist, bekommt sie die größte Verachtung zu spüren.

4. Aus Mangel an richtiger Führung sind viele "Kirchen" völlig machtlos gegen die anschwellende Flut von Weltlichkeit, von welcher sie schon zum großen Teil überflutet sind. Die Kurzsichtigkeit der Gemeindeleiter ist erstaunlich. Jeder Prediger sollte wirklich frei sein - frei von Sünde, frei von der Befleckung der Welt, frei von Ehrsucht, frei vom Streben nach Ruhm und Anerkennung - frei, um in jeder Beziehung dem Willen des Herrn zu folgen. Sogar über "geringfügige Abweichungen" muss die Predigerschaft sorgfältig wachen.

Ihr Brüder im Predigtdienst, wenn ihr doch den Feind verunsichern und seinen Plan vereiteln wolltet, seinen teuflischen Ideen kein Gehör schenktet, sondern im treuen Predigen des ganzen, kompromisslosen Evangeliums Jesu Christi voran dringen würdet!

Der Bedarf an solchen Arbeitern wird zunehmend größer. Das reife Erntefeld fordert sie. Der Herr der Ernte lässt einen Ruf nach ihnen ergehen. Wer wird dem Ruf folgen?

B. R. Jones