Wem lebst du?

„Da nun Christus für uns im Fleisch gelitten hat, so wappnet auch ihr euch mit derselben Gesinnung; denn wer im Fleisch gelitten hat, der hat mit der Sünde abgeschlossen, um die noch verbleibende Zeit im Fleisch nicht mehr den Lüsten der Menschen zu leben, sondern dem Willen Gottes.“ (1Pt 4:1-2).

Wem lebst du? Das ist die ernste Frage, die jetzt an dich herantritt. Lebst du gleich Tausenden dir selbst, um die Zeit, die du hier zuzubringen hast, in den Vergnügungen und Lüsten dieser Welt zu verbringen? Lebst du nur den Deinigen zum Gefallen, und sorgst dafür, dass deine Kinder nach deinem Tod dein sauer verdientes Geld verprassen, und sich groß aufspielen können unter den Vornehmen dieser Welt? Oder lebst du nur so dahin, und hast kein bestimmtes Ziel im Auge? Lieber Leser, wem lebst du?

Lebst du dem Herrn, der für dich sein heiliges Blut vergoss, und für dich unsägliche Schmerzen litt? Lebst du nur dem Willen Gottes, und ist dein ganzes Sinnen, Dichten und Trachten auf das gerichtet, was droben ist? Beantworte dir diese Fragen selbst! Es liegt mehr darin, als du vielleicht auf den ersten Blick ersehen kannst. Dein zukünftiges Schicksal hängt davon ab.

Wenn du dir, den Deinigen, der Welt und was darinnen ist lebst, ist dir die ewige Verbannung von Gottes Gegenwart gewiss, und du wirst eine endlose Ewigkeit mit all denen, welche verlorengehen werden, zubringen müssen.

Lebst du dem Herrn und tust Seinen Willen bis an dein Ende, so ist ewige Wonne und Freude dein Erbe.

Gottes Wort sagt, dass wir dem Willen Gottes leben sollen. Es lehrt uns, dass wir nicht unser eigen sind, sondern dem Herrn gehören, der uns für sich selbst erkauft hat durch Sein teures Blut. Gleich einem Sklaven, den sich jemand um Geld erworben hat, und der nur den Willen seines Herrn kennt, so sollen auch wir nur dem Willen Gottes leben.

Um dies erfolgreich ausführen zu können, müssen wir unseren eigenen Willen aufgeben und uns ganz dem heiligen Willen Gottes anheimstellen; nur dann, wenn wir in allem sagen können: „Herr, deinen Willen tue ich gern“, „Dein Wille geschehe“, leben wir dem Willen Gottes.

Viele sterben den Sünden der Welt; aber wenn es heißt, sich selbst und dem eigenen Willen zu sterben, dann kostet es oft einen sehr harten Kampf. Das „Ich“ stirbt nicht gern. Die alte Natur sucht sich am Leben zu erhalten, und der Stolz, der Ehrgeiz, der Eigenwille sind Dinge, die der Mensch nicht aus eigener Stärke überwältigen kann. Und doch gebietet Gottes Wort, dass der alte Mensch gekreuzigt werden muss, auf dass Christus in uns Gestalt gewinne, und wir hinfort nur noch dem Willen Gottes allein leben sollen, ohne ein widerstrebendes Element in uns zu haben, das sich gern dem Willen Gottes widersetzen möchte.

Alles Leiden ist dem alten und auch dem natürlichen Menschen zuwider. Er pflegt am Liebsten der Ruhe, den Genüssen und Freuden; aber Entbehrungen, Selbstverleugnung und Schmähungen sind ihm unerwünscht. Und doch heißt es, dass ein Christ sich mit demselben Sinn wie Christus wappnen soll; gleich wie „Christus für uns im Fleisch gelitten hat, so wappnet auch ihr euch mit derselben Gesinnung“. Wer den Leiden, die in Jesus sind, nicht teilhaftig werden will, der kann auch die Freuden, die in ihm sind, nicht genießen, weder hier noch dereinst die ungetrübten Freuden, die uns im Himmel erwarten.

Ja, lieber Leser, wenn du Gott und Seinem Willen leben willst, so darfst du nicht zurückschrecken, wenn es manchmal durch trübe Stunden geht, wenn Anfechtungen und Verfolgungen für eine Zeit deine Begleiter sind, und wenn es scheint, als ob alle dich verlassen haben, selbst Gott, der gerechte Herr, und du fühlen würdest, wie einst dein Heiland, als Er ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.

Warum gibt es der ernsten Gotteskinder, die mit Gott Macht im Gebet haben, so wenige? Ist es nicht eben darum, weil viele nicht willig sind, die Leiden, die Verfolgungen, den Spott und die Selbstverleugnung zu ertragen? Vernieres, ein frommer Franzose, sagte einst: „Jeder würde Jesus gerne aufnehmen, wenn er nur allein käme, denn Er ist der Liebenswürdigste und Suchenswürdigste. Aber Sein Staatsgefolge, das Ihn immer begleitet – die Armut, die Verachtung, die Leiden aller Art – das will niemandem gefallen.“ Wie viel Wahrheit diese Worte in sich schließen, kann wohl jeder am Besten an sich selbst merken.

Wenn wir uns nach solchen umsehen, die in der Heiligen Schrift und in der Kirchengeschichte gewöhnlich als Vorbilder und Fromme hervorgehoben werden, die nur allein dem Willen Gottes lebten, so finden wir, dass fast alle unsagbares Leiden aushalten mussten; und durch Geduld in der Trübsal wurden sie uns zum Vorbild. Im Neuen Testament heißt es: „Meine Brüder, nehmt euch die Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben, zum Vorbild des Leidens und der Geduld. Siehe, wir preisen die glückselig, welche standhaft ausharren! Von Hiobs standhaftem Ausharren habt ihr gehört, und ihr habt das Ende gesehen, das der Herr [für ihn] bereitet hat; denn der Herr ist voll Mitleid und Erbarmen.“ (Jak 5:10-11). Im elften Kapitel des Hebräerbriefes erzählt uns der Apostel von einer Menge frommer Menschen im Alten Testament und schildert uns nebst ihrem Glauben einige ihrer Trübsale. Ja, und alle, die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung erdulden. Oft kommt es vor, dass Menschen um ihrer Fehler oder ihres Vorwitzes halben Verfolgungen erdulden, aber nicht um Jesu willen. In gegenwärtiger Zeit mag jemand beständig die Wahrheit von der einen Gemeinde predigen, und alle Sekten verdammen, wenn das aber nicht im Geist Gottes und in der Liebe und Sanftmut Christi, und aus Liebe zu den Seelen, die in sektiererische Finsternis gegangen sind, geschieht, so würde ein solcher nur um seines Vorwitzes willen, wenn er darüber verfolgt wird, leiden müssen; wenn auch alles Gesagte wahr ist.

Durch Geduld in der Trübsal gelangt der Christ dorthin, wo er ein brauchbares Werkzeug in den Händen Gottes werden kann. Öfters wird der Glaube und das Leben anderer gepriesen, und viele wünschen sich, auch solch einen Glauben und solch eine Erfahrung zu besitzen; aber sollte man sie fragen, ob auch sie willig seien, alles das zu ertragen, was jene erduldet haben, die sie rühmen, so würden sie davor zurückschrecken.

Geliebter Leser, lass mich dich noch einmal fragen: Wem lebst du? Ist dir noch etwas lieber in der Welt, als Jesus und Sein Kreuz? Dann lebst du noch nicht völlig dem Willen Gottes. Solange du noch nicht mit Paulus alles für Schaden und Dreck achten kannst, um Jesus zu gewinnen, bist du dir selber und deinem Willen noch nicht gänzlich gestorben. Solange du noch nicht alles, auch dein Liebstes, für Ihn hinlegen kannst, hast du noch nicht den Punkt einer völligen Hingabe erreicht, und von gänzlicher Heiligung ist keine Rede. Du möchtest wohl die Liebe Gottes vollkommen in dir fühlen und die Liebe, welche Furcht austreibt, besitzen, aber sie wird dir nicht zuteil werden, solange du nicht die Hingabe machst, die Gott von Seinen Kindern verlangt. Solange du nicht das vollkommene Opfer bringst, wird deine Sehnsucht und dein Hungern und Dürsten nach der Fülle der Gnade und der Gabe zur Gerechtigkeit ungestillt bleiben. Lebe für Gott und wandle im Licht, das Er dir geschenkt hat und schenkt, und du wirst in den Besitz des Lebens und der völligen Genüge kommen. Jesus hat es dir erworben, Er hat dich für sich erkauft; du gehörst weder dir noch den Deinigen, sondern Ihm allein. Darum lebe auch nur für Ihn, so wirst du Freude haben und ein unvergängliches Erbe!

aus der Evangeliums Posaune 15. Juni 1900