Das Wesen der Gnade

„Erstaunliche Gnad‘ gerettet hat ein’n elenden Mensch wie mich!“ (engl.: Amazing Grace). Unter den bekennenden Christen in der heutigen Welt gibt es wohl nur wenige, wenn überhaupt welche, die diesen religiösen Klassiker noch nicht gehört haben. Viele bezeugen, durch die Gnade erlöst zu sein. Was ist Gnade? Woran denkst du, wenn jemand Gnade erwähnt? Wenn du dem Gros der Gespräche in der religiösen Welt zuhörtest, würdest du wahrscheinlich daraus schließen, dass die Gnade Gottes die der Menschheit gewährte Barmherzigkeit, Vergebung und unverdiente Gunst Gottes ist, ohne Rücksicht darauf, wie gelebt wird. Würde diese Definition mit dem Textzusammenhang der Schriftstellen, die den Ausdruck Gnade gebrauchen, übereinstimmen?

Lasst uns einige Schriftabschnitte betrachten und eine biblische Definition für Gnade festlegen!

„Das Gesetz aber ist daneben hereingekommen, damit das Maß der Übertretung voll würde. Wo aber das Maß der Sünde voll geworden ist, da ist die Gnade überströmend geworden, damit, wie die Sünde geherrscht hat im Tod, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ (Röm 5:20-21). Hier legt der Apostel Sünde und Gnade als gegensätzliche Herrscher dar. Entweder herrscht das eine oder das andere in deinem Leben. Jesus sagte, dass jeder, der die Sünde tut, ein Knecht der Sünde ist. Das bedeutet, dass wenn du immer noch Sünde begehst, nicht die Gnade herrscht sondern die Sünde. Gelangt die Gnade Gottes in das Leben eines Menschen, so ist die Sünde besiegt und ausgetrieben und Gerechtigkeit tritt an ihre Stelle. Was bedeutet Gnade in dieser Schriftstelle? Wäre es nicht die Macht Gottes, die Rechtschaffenheit in einer Seele bewirkt?

„Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade, die er an mir erwiesen hat, ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr gearbeitet als sie alle; jedoch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.“ (1Kor 15:10). „Gott aber ist mächtig, euch jede Gnade im Überfluss zu spenden, so dass ihr in allem allezeit alle Genüge habt und überreich seid zu jedem guten Werk.“ (2Kor 9:8). „Wir sehen aber Jesus, der ein wenig niedriger gewesen ist als die Engel wegen des Todesleidens, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt; er sollte ja durch Gottes Gnade für alle den Tod schmecken.“ (Hebr 2:9). Diese drei Schriftstellen lassen Gnade Hand in Hand mit Werken gehen. Ich frage dich wiederum, was bedeutet Gnade in diesen Bibelstellen? Ist es nicht die Macht Gottes, die Seine guten Werke in den sterblichen Leibern bewirkt – Werke, die menschlich gesehen nicht möglich sind?

„Wachst dagegen in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn und Retters Jesus Christus! Ihm sei die Ehre, sowohl jetzt als auch bis zum Tag der Ewigkeit! Amen.“ (2Pt 3:18). „Und achtet darauf, dass nicht jemand die Gnade Gottes versäumt, dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwächst und Unheil anrichtet und viele durch diese befleckt werden.“ (Hebr 12:15). Freund, die moderne Definition von Gnade wird keineswegs mit diesen Bibelstellen übereinstimmen, denn man kann weder in der unverdienten Gunst, der Barmherzigkeit Gottes, usw. „wachsen“ noch dieselbe „versäumen“. Wir müssen wieder zu dem Schluss kommen, dass Gnade die Kraft Gottes bedeutet, die in den Menschenseelen wirkt.

Gnade und Werke miteinander zu verbinden, setzt sich der Denkweise der heutigen religiösen Gesellschaft ganz entgegen. Gnade ist für die meisten Menschen sehr weit von Werken entfernt, denn wie wir bereits gesagt haben, denken sie bei Gnade an die unverdiente Gunst, Barmherzigkeit und Liebe Gottes, die Ihn veranlasst, jedes böse Werk, das sie tun, zu übersehen. Sie versuchen, ihre Denkweise zu rechtfertigen, indem sie Schriftstellen wie „Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch – Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme“ (Eph 2:8-9) entstellen. „Siehst du, da haben wir’s!“ würden sie sagen. „Wir sind durch Gnade erlöst, nicht durch Werke.“ Wir müssen das Wort recht teilen (2Tim 2:15). Der nächste Vers wird uns dabei helfen: „Denn wir sind seine Schöpfung, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.“ (Eph 2:10). Somit sind Gnade und Werke wiederum miteinander verbunden. Der Apostel sagte hier lediglich, dass wir aus unserer eigenen Fähigkeit und Kraft heraus Gott weder gefallen noch das Heil verdienen können, sondern nachdem wir zu Gott um Vergebung kommen und auf Seine Kraft vertrauen, werden wir zum Werk Seiner Hände und können in guten Werken wandeln (dennoch nicht aus uns selbst sondern durch die Gnade Gottes in uns).

Folglich müssen wir auf Grund des Textzusammenhangs der Heiligen Schrift schlussfolgern, dass Gnade nicht das ist, was allgemein angenommen wird. Zweifellos ist sie unverdient, aber sie ist definitiv nicht die den Sündern erwiesene Gunst Gottes, damit sie in der Sünde verharren, während sie Seinen Namen bekennen. Vielmehr ist sie die verliehene Kraft Gottes, um in diesem Leben über die Sünde zu herrschen. Es ist Gott, der in uns wirkt, um Seinen ganzen heiligen Willen in unserem sterblichen Leib in diesem Leben zu erfüllen; nicht uns nur zu vergeben, sondern uns in diesem Leben, inmitten all der Verderbtheit der Welt um uns herum, in Sein Ebenbild zu verwandeln. Seine Gnade ist in der Tat erstaunlich!