Kühner Kompromiss

„Das größte Problem mit der christlichen Kirche heutzutage und der Grund, weshalb wir nicht genug Einfluss auf unsere Kultur haben, ist, weil Sünde im Lager ist … Sünde im Herzen des Volkes Gottes.“ – Anne Graham Lotz

Dieser Ausspruch (von der Tochter des berühmten Evangelisten Billy Graham) war nicht an Baptisten oder Presbyterianer gerichtet. Nein, er wurde freimütig an Menschen gerichtet, die sich Gemeinde Gottes (mit Hauptsitz in Anderson, Indiana, USA) nennen; ein Volk, das beansprucht, Erbe D. S. Warners und der Reformation des späten 19. Jahrhunderts zu sein. Offen gesagt sind es Menschen, die die theologische Ketzerei einer solchen Aussage sofort erkannt haben sollten und besser wissen sollten, als derselben zu glauben. Wie reagierten sie jedoch auf diesen Ausspruch während ihrer nordamerikanischen Konferenz in Oklahoma City im vergangenen Juni? Mit spontanem Applaus und Anerkennung.

Das Motto der Konferenz lautete „Sei kühn!“ (engl.: Be bold) und es war in der Tat eine Zeit von weit ausholenden und ausdrucksvollen Äußerungen. Die Gastrednerin, Frau Graham Lotz, welche dort kein Mitglied ist, nahm sich allerdings die Freiheit, kühn zu sein. Ob sie nun biblische Wahrheit aussprach oder nicht, schien ihr Publikum überhaupt nicht zu kümmern.

Sie war auch nicht alleine. Der neue Generaldirektor Jim Lyon war auch sehr kühn, indem er seine polemischen Pfeile auf die eher konservativen Elemente innerhalb der Bewegung schoss (diejenigen, die immer noch versuchen, wenigstens ein äußeres Verständnis über die Gemeinde Gottes aufrecht zu erhalten). „Wir dürfen niemals vergessen“, verkündete er nachdrücklich, „dass die Gemeinde nicht das Ausschlaggebende ist. Unsere Lehre ist nicht das Ausschlaggebende. Die Art, wie du dich kleidest, ist nicht das Ausschlaggebende. Der Musikstil, den du magst, ist nicht das Ausschlaggebende … Der Name [der Gemeinde] ist nicht das Ausschlaggebende … Jesus ist das Ausschlaggebende!“

All dies wurde natürlich durch den Rock‘n‘Roll Stil während der Anbetung und den letzten Redner der Konferenz, Reggie McNeal, verstärkt. Auf die angenehmste Weise erklärte er, wie sich die Gemeinde einer „Missions-Amnesie“ schuldig gemacht habe, dass sie zu Gemeinde-zentrisch sei und dass dieses dem Götzendienst gleiche. Er bestand darauf, dass sich ihre Schilderung ändern müsse, da ihre Geschichte für diese Zeit nicht mehr relevant sei. Anders ausgedrückt ist sie „kulturell irrelevant“. Es sei zu beachten, dass auch Herr McNeal ein Gastredner war. Seine Botschaft ist dieselbe, die er auch in deiner lokalen Baptisten-Sekte predigen würde. Aber seine Zuhörer waren keine Baptisten. Sie waren „Gemeinde Gottes“.

Wie kann ein Volk, das einst mit göttlicher Einsicht und heiliger Wahrheit gesegnet war, zu einem solch niedrigen Stand herabsinken, dass sie solch einen geistlichen Unsinn gierig verschlingen und dabei meinen, gesegnet zu sein? Es ist ein Prozess, der vor langer Zeit im Geist des Kompromisses zu wirken begann, und der ein Zurückweisen des Kleidermaßstabs verursachte, welcher von den anfänglichen Predigern der Bewegung hochgehalten wurde.

Jeder, der die Geschichte der Gemeinde Gottes näher betrachtet, wird die radikale Veränderung der Bewegung um die Zeit der Lagerversammlung in Anderson im Jahr 1913 augenblicklich erkennen, wo die Freiheit des Gewissens zum Schaden eines kollektiven Verständnisses persönlicher Heiligkeit unverfroren verkündigt wurde. Es war nur ein kleiner Schritt, vom Tragen einer Überflüssigkeit – wie dem „harmlosen“ Kleidungsartikel, den man Krawatte nennt – zur nächsten, bis schließlich Kleidermaßstäbe so gut wie nicht mehr vorhanden waren. Sobald auf dieselben verzichtet wurde, wurde lehrmäßige Unverkennbarkeit zu Freiwild. Es ist ein Prozess, der bis zum heutigen Tag stattfindet. Die Führerschaft verunglimpft die Vergangenheit und versucht, alle Spuren eines „traditionellen“ Verständnisses aus der Erinnerung der Menschen zu hämmern. Die herkömmliche Denkweise ist schließlich ein gewaltiges Hindernis für den Fortschritt der „Neubelebung“ einer sterbenden Bewegung.

Sünde im Herz des Volkes Gottes? Ist das jetzt ihr Verständnis von der Gemeinde? Wenn Tausende von Menschen einer Aussage wie dieser Beifall spenden können, zeigt es, wie tief ihr Verständnis gesunken ist. Sie verstehen weder die Natur der Gemeinde noch die Lehre der Heiligkeit, welche die Voraussetzung für die Reformation der Gemeinde Gottes war. Sie sind weit davon entfernt, die Fackelträger der Reformation zu sein; vielmehr sind sie zu dem geworden, wogegen ihre Vorfahren kämpften: eine babylonische Einrichtung. Wie Johannes uns sagt: „Jeder, der die Sünde tut, ist aus dem Teufel.“ (1Jo3:8), und: „Wir wissen, dass jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt.“ (1Jo 5:18). Indem er diese Schriftstellen erklärte, schrieb D. S. Warner: „Es gibt in der Gemeinde keine Sünder.“ Wenn dem so ist, steht es im direkten Gegensatz zu der Botschaft von Frau Graham Lotz und dem freudigen Applaus, der darauf folgte. Wenn sie in ihren Herzen Sünde haben, sind sie gemäß der Bibel und gemäß Br. Warners Schriften nicht in der Gemeinde. Sie sollten sich nicht länger auf ihn als auf ihren geistlichen Vorgänger beziehen.

Jesus ist das Ausschlaggebende und andere Aspekte wie die Gemeinde, ihr Name, ihre Lehre, ihre Art der Anbetung sind Nebensache, die – wenn man sie überhaupt noch beachtet – an den Rand gedrängt werden können? Kann man das Thema der Gemeinde von Christus, ihrem Baumeister und Haupt, trennen? Kann man die Geschichte von dem, der „würdig [war], das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen“ (Offb 5:9), von der Kirchengeschichte trennen?

Jesus ist das Thema. Jesus und nichts anderes. Predigt Jesus! Betet Jesus an! Erhebt Jesu Namen! Was? Baute Jesus keine Gemeinde? Sagen uns die Schriften Seiner Apostel nicht, wie wir leben, anbeten und uns kleiden sollen? Nein, nein, behaupten sie, dies seien Nebensächlichkeiten. Sie lenken nur von Jesus ab. Liegt in dieser Argumentation nicht das Wesen babylonischer Verwirrung?
Wenn wir die Verbindung zu unserer Vergangenheit und zu unserem Platz in der Geschichte verlieren, schneiden wir uns selbst von dem grundlegenden theologischen Unterbau und der Möglichkeit, den biblischen Auftrag – nämlich das Licht der Welt zu sein – zu erfüllen, ab. Wenn man über seine Geschichte Bescheid weiß, betet man damit keinesfalls die Vergangenheit an und macht sich nicht schuldig, „götzendienerisch auf die Gemeinde fixiert“ zu sein (wie sie es nennen). Die Vergangenheit zu verstehen und mit ihr konfrontiert zu sein, zwingt uns, der aktuellen Realität ins Auge zu sehen und uns einige schwerwiegende Fragen zu stellen. Fragen wie: Ist die Botschaft kulturell irrelevant oder haben wir die Botschaft verloren?

Diese Art von Aufrichtigkeit haben sie so nötig, und nicht eine neue „Bühne“, auf welche das Augenmerk gerichtet wird. Die Kräfte sollten nicht darauf angewandt werden, den globalen Frauenhandel zu bekämpfen. Es ist kein Liederabend notwendig, an dem alte Lieder gesungen werden, um die ältere Anhängerschaft der Bewegung bei Laune zu halten (während sie ihr Verständnis in den Hauptgottesdiensten scharf kritisieren). Nein. Was fehlt, ist eine schlichte, demütigende Aufrichtigkeit.

Am 23. Dezember 2013 schrieb Jim Lyon einen Brief an seine Bewegung und warnte sie, dass „die Gemeinde Gottes, die wir kennen und lieben … in Gefahr steht. Ihre bloße Existenz hängt an einem dünnen Faden … Die Gemeinde Gottes, wie wir sie kennen, ist dem Tode nahe ...“ Wenn dies stimmt, ist die Gemeinde Gottes, die er kennt und liebt, nicht die Gemeinde Gottes, die in der Bibel zu finden ist. Denn diese Gemeinde, verkündete Jesus, können die Pforten der Hölle nicht überwinden (Mt16:18).

Konnte irgendjemand dies im Jahr 1913 voraussehen? Konnte jemand vorhersagen, zu welch großem Thema die Krawatte (diese kleine Feuerflamme) aufflackern würde? Ja, einige sahen es. Einige wenige. Sie warnten die Heiligen. Sie erhoben ihre Stimme gegen das langsame Abweichen, den Kompromiss. Nur wenige achteten darauf. Durch die Jahrzehnte wurde der Schneeball zur Lawine, die eine alternde, sterbende Bewegung zurückgelassen hat, welche von ihrer Geschichte abtreibt und schnell ihre theologische Unverwechselbarkeit verliert. Nun haben sie eine Bewegung mit einem Namen, dessen Bedeutung sie sich nicht bewusst sind. Möge uns dies eine Lektion sein.

Wir bitten jede aufrichtige Seele, die immer noch in dieser Bewegung umherstreift und versucht, ein Licht zu sein, inständig, die biblische Anordnung „Geht hinaus aus ihr“ zu beachten. Babylon wird nicht geheilt werden (Jer 51:9). Es muss verlassen werden.