So predigen, dass sich niemand bekehrt

Die Absicht dieses Artikels ist es, einige Regeln vorzulegen, an die man sich kontinuierlich halten sollte, wenn man so predigen möchte, dass sich niemand bekehren soll. Es wird heutzutage allgemein zugegeben, dass der Heilige Geist Seelen durch die Wahrheit, die diesem Zweck dient, zu Christus führt. Folglich wird ein selbstsüchtiger Prediger sich nicht geschickt darin anstellen, Mittel und Wege zu finden, um Seelen zu Christus zu bekehren, da dies gar nicht seine Absicht ist.

1. Lass es dein größtes Motiv sein, deine eigene Beliebtheit zu sichern; dann wird sich deine Predigt automatisch dieser Absicht anpassen und nicht dazu dienen, Seelen zu Christus zu bekehren.

2. Trachte vielmehr danach, deinen Zuhörern gefällig zu sein als sie zu bekehren.

3. Trachte danach, dir den Ruf eines hervorragenden Schriftstellers zu erwerben.

4. Verfasse deine Predigten mit einem hohen Maß an literarischem Schliff.

5. Lass sie kurz sein, damit das Lesen derselben zwanzig oder dreißig Minuten nicht überschreitet.

6. Dein Schreibstil sei bilderreich und ausgeschmückt und übertreffe das Fassungsvermögen des einfachen Volkes weit.

7. Sei sparsam mit Denkanstößen, damit deine Predigt nicht zu viel Wahrheit enthält, um eine Seele zu bekehren.

8. Sorge dafür, dass du nichts sagst, das deinen Zuhörern den Anschein gibt, als sei er oder sie damit gemeint, es sei denn, dass es etwas Schmeichelhaftes ist.

9. Bringe keine eindeutigen Argumente hervor und greife das Gewissen deiner Zuhörer nicht an, indem du beunruhigende Themen anschneidest, damit sie sich nicht an diese Themen erinnern und über ihre Seelen beunruhigt werden.

10. Vermeide einen logischen Aufbau und eine Untergliederung deines Themas, damit deine Leute nicht zu sorgfältig unterwiesen werden.

11. Gib deiner Predigt die Form und den Inhalt eines fließenden und schön geschriebenen Aufsatzes, an den man sich aber nicht mehr erinnern kann, damit deine Zuhörer sagen: „Das war eine schöne Predigt!“, sie jedoch nicht näher beschreiben können.

12. Vermeide es, Lehren zu verkündigen, die für eine fleischliche Gesinnung anstößig sind, damit sie nicht von dir sagen, wie sie von Christus sagten: „Das ist eine harte Rede! Wer kann sie hören?“ und du deinen Einfluss damit schädigst.

13. Verurteile die Sünde im Allgemeinen, aber mache keine Anspielung auf die Sünden deiner Zuhörerschaft.

14. Verbirg vor ihnen die Geistlichkeit des heiligen Gesetzes Gottes, welche zur Sündenerkenntnis führt, damit der Sünder nicht seinen verlorenen Zustand erkennt und vor dem kommenden Zorn flieht.

15. Predige das Evangelium als ein Heilmittel, verschweige oder ignoriere jedoch die tödliche Krankheit des Sünders.

16. Predige „Errettung durch Gnade“, ignoriere jedoch den verurteilten und verlorenen Zustand des Sünders, damit er nicht versteht, was du mit „Gnade“ meinst und erkennt, dass er sie braucht.

17. Predige Christus als ein unendlich liebenswürdiges und gutmütiges Wesen, ignoriere jedoch die scharfen Zurechtweisungen der Sünder und Heuchler, die Seine Zuhörer so oft erschütterten.

18. Vermeide es insbesondere, zu denen zu predigen, die anwesend sind. Predige über Sünder, aber nicht zu ihnen. Sage „sie“ und nicht „du“, damit nicht jemand dein Thema persönlich anwendet und sich bekehrt.

19. Trachte danach, dass deine Zuhörer mit sich selbst und mit dir zufrieden sind und sei vorsichtig, dass du niemandes Gefühle verletzt.

20. Predige keine prüfenden Predigten, damit du die weltlichen Mitglieder deiner Kirche nicht überführst und bekehrst.

21. Vermeide erweckende, unangenehme Erinnerungen, indem du deine Zuhörer an ihre vergangenen Sünden erinnerst.

22. Erwecke nicht den Eindruck, dass Gott deinen Zuhörern befiehlt, der Wahrheit auf der Stelle und augenblicklich zu gehorchen.

23. Erwecke nicht den Eindruck, dass du von deinen Zuhörern erwartest, dass sie sich auf der Stelle verpflichten und ihre Herzen Gott übergeben.

24. Erwecke den Eindruck, dass sie in ihren Sünden fortfahren und die Thematik überdenken können, wenn es ihnen passt.

25. Verbringe viel Zeit damit, darauf einzugehen, dass sie gar nicht im Stande sind, zu gehorchen und erwecke den Eindruck, dass sie darauf warten müssen, bis Gott ihr Wesen ändert.

26. Erhebe keinerlei Einspruch gegen die Ängste eines Sünders, sondern erwecke den Eindruck, dass sie keinen Grund zur Furcht haben.

27. Erwähne die Hölle so wenig, dass deine Zuhörer annehmen werden, dass du nicht an ihre Existenz glaubst.

28. Erwecke den Eindruck, dass wenn Gott so gut ist wie du, Er niemanden in die Hölle schicken wird.

29. Predige über die Liebe Gottes, ignoriere jedoch die Heiligkeit Seiner Liebe – das wird den unbußfertigen Sünder keineswegs befreien.

30. Lege ihnen oft die väterliche Liebe und Beziehung Gottes zu uns vor, vermeide es jedoch, Sein rechtmäßiges und gesetzliches Verhältnis zu Seinen Untertanen zu erwähnen, damit der Sünder sich nicht vorkommt, als sei er bereits verurteilt und der Zorn Gottes auf ihm laste.

31. Verkündige Gott als einen Gott, der ausschließlich gnädig ist, damit nicht eine vollkommenere Darstellung Seines Charakters das Gewissen deiner Zuhörer beunruhigt.

32. Versuche, Sünder zu Christus zu führen, ohne dabei eine unangenehme Sündenüberführung hervorzurufen.

33. Schmeichele den Reichen, um die Armen abzustoßen, und du wirst niemand aus diesen beiden Gruppen bekehren.

34. Mach keine lästigen Anspielungen auf Lehren über Selbstverleugnung, das Tragen des Kreuzes und das Absterben gegenüber der Welt, damit du keines deiner Kirchenmitglieder überführst und bekehrst.

35. Gib ausdrücklich oder indirekt zu, dass jeder Mensch ein gewisses Maß an moralischer Tugend besitzt, damit Sünder nicht erkennen, dass sie eine radikale Veränderung des Herzens brauchen – von der Sünde zur Heiligkeit.

36. Vermeide es, Druck bezüglich der Lehre der völligen moralischen Verderbtheit auszuüben, damit du den Moralisten nicht beleidigst oder ihn sogar überführst und bekehrst.

37. Tadel die Gemeinde nicht wegen ihrer weltlichen Neigungen, damit du ihre Gefühle nicht verletzt und sich schließlich jemand von ihnen bekehrt.

38. Sollte jemand eine Besorgnis über seine Seele äußern, durchforsche ihn nicht durch einen unangenehmen Hinweis auf seine Sünde und seine verdiente Strafe, sondern ermutige, sogleich der Kirche beizutreten und ermahne ihn, seine vollkommene Sicherheit innerhalb der Herde zu erkennen.

39. Predige die Liebe Christi nicht als eine vorurteilsfreie Gunst, die heilig und gerecht ist und die Sünde hasst, sondern als eine Empfindung, eine unwillkürliche und urteilslose Zärtlichkeit.

40. Sorge dafür, dass du Religion nicht als einen Zustand der liebevollen Selbstaufopferung für Gott und andere Seelen darstellst, sondern vielmehr als einen zwanglosen Zustand der Genusssucht. Dadurch wirst du gesunde Bekehrungen zu Christus unterbinden und deine Zuhörer zu dir kehren.

41. Wähle deine Themen und präsentiere sie so, dass die wohlhabenden, aristokratischen, genusssüchtigen, extravaganten und vergnügungssüchtigen Schichten angelockt und umschmeichelt werden, und du wirst keinen von ihnen zu der kreuztragenden Religion Christi bekehren.

42. Sei opportunistisch oder du setzt dein Gehalt aufs Spiel, und abgesehen davon, wenn du deine Meinung kundtust und wahrheitsgetreu bist, könntest du jemanden bekehren.

43. Predige nicht mit einer göttlichen Salbung, damit deine Predigt keine rettende Wirkung hinterlässt.

44. Um dies zu vermeiden, pflege keinen engen Wandel mit Gott, sondern stütze dich auf dein Lernen und Studieren.

45. Beschäftige dich mit Unterhaltungslektüre und weltlichen Vergnügungen, um nicht zu viel zu beten.

46. Damit deine Leute nicht meinen, dass du ihre Seelen ernsthaft retten willst und sie folglich deine Predigt befolgen würden, ermutige sie zu Kirchweihfesten, Lotterie- und anderen Glücksspielen und weltlichen Hilfsmitteln, um Geld für kirchliche Zwecke aufzubringen.

47. Wenn du derartige Dinge nicht gutheißt, tue deine Missbilligung nicht öffentlich kund, damit deine Gemeinde sich nicht etwa davon abkehrt und ihre Aufmerksamkeit darauf richtet, Seelen zu retten und selbst gerettet zu werden.

48. Weise sie nicht auf Grund extravaganter Kleidung zurecht, damit du auf deine eitlen und weltlichen Kirchenmitglieder keinen negativen Eindruck machst.

49. Damit du nicht mit geistlichen Erweckungen und der damit verbundenen Arbeit belastet wirst, fördere Partys, Picknicks, Ausflüge und weltliche Vergnügungen, um die Aufmerksamkeit von dem ernsten Werk der Seelenrettung abzulenken.

50. Verhöhne feierlichen Ernst, der Seelen aus dem Feuer zu reißen sucht, und befürworte vielmehr durch Worte und Taten eine vergnügte, lebenslustige Religion, so werden Sünder deiner ernsten Predigt wenig Beachtung schenken.

51. Fördere einen wählerischen Geschmackssinn in deinen Zuhörern, indem du alle lästigen Hinweise auf das Jüngste Gericht und die endgültige Vergeltung vermeidest.

52. Betrachte solche unangenehmen Lehren als veraltet und fehl am Platz für eine Zeit christlicher Kultiviertheit.

53. Verpflichte dich nicht gegenüber dringend notwendigen Reformen, damit du deine Beliebtheit nicht gefährdest und deinen Einfluss schädigst. Oder aber du kannst dir einen äußerlichen Reformzweig zum Hobby machen und so lange dabei verweilen, dass die Aufmerksamkeit von der großen Aufgabe, Seelen zu Christus zu führen, abgelenkt wird.

54. Stelle Religion in einer Weise zur Schau, dass selbstsüchtiges Streben unterstützt wird. Erwecke den Eindruck auf Sünder, als läge das höchste Motiv, religiös zu sein, in ihrer eigenen Sicherheit und Freude.

55. Lege nicht viel Gewicht auf die Wirksamkeit und Notwendigkeit des Gebets, damit der Heilige Geist nicht auf dich und die Gemeinde ausgegossen wird und Sünder gerettet werden.

56. Mache lediglich einen geringen oder überhaupt keinen Eindruck auf deine Zuhörer, damit du deine alten Predigten oft wiederholen kannst, ohne dass es jemand merkt.

57. Wenn dein Textwort auf irgendeinen warnenden Gedanken hinweist, überfliege diesen schnell und verweile unter keinen Umständen dabei oder setzte ihn gar durch.

58. Vermeide alle bildlichen Darstellungen, Wiederholungen und nachdrücklichen Sätze, die deine Zuhörer veranlassen könnten, sich an das Gesagte zu erinnern.

59. Vermeide alle Inbrunst und Ernsthaftigkeit in deiner Verkündigung, damit du nicht den Eindruck erweckst, dass du dem glaubst, was du sagst.

60. Wende dich an die Vorstellungskraft und nicht an das Gewissen deiner Zuhörer.

61. Lass es dein höchstes Ziel sein, bei allen Schichten deiner Zuhörer persönlich beliebt zu sein.

62. Sei vorsichtig und zurückhaltend beim Aufzeigen der Forderungen Gottes, wie es sich dir geziemen würde, wenn du deine eigenen Forderungen vorlegst.

63. Hüte dich, nicht von eigenen persönlichen Erfahrungen der Macht des Evangeliums zu zeugen, damit in deinen Zuhörern nicht die Überzeugung hervorgerufen wird, dass du etwas besitzt, was sie brauchen.

64. Fördere gesellige Kirchentreffs und nimm selbst daran teil, weil sie so stark zur Leichtfertigkeit neigen und christliche Würde und Nüchternheit beeinträchtigen, und somit die Kraft deiner Predigt schwächen.

65. Fördere Geselligkeit in jeder nur erdenklichen Weise, damit sowohl deine Aufmerksamkeit als auch die deiner Kirchenmitglieder von der unendlichen Schuld und Gefahr der Unerlösten unter euch abgelenkt werde.

66. Sprich bei solchen Gesellschaftstreffs ein wenig über Religion, vermeide jedoch jeden ernsthaften Appell an das Herz und Gewissen der Anwesenden, damit du sie nicht von ihrer Teilnahme abhältst; dabei immer im Auge behaltend, dass sie nicht zu diesen Treffs gehen, um ernsthaft auf ihr Verhältnis mit Gott angesprochen zu werden. Auf diese Weise wirst sowohl du dich als auch deine Kirchenmitglieder so erfolgreich engagieren, dass deine Verkündigung niemanden bekehren wird.

Die Erfahrung der Prediger, die irgendeine der oben genannten Regeln beständig befolgt haben, wird der Seelen-zerstörenden Macht einer solchen Richtung Zeugnis geben, und Kirchen, deren Prediger sich irgendeiner dieser Regeln beständig angepasst haben, können bezeugen, dass derartiges Predigen keine Seelen zu Christus bekehrt.

Charles Finney