Der Becher Seines Zorns

„Sondern Gott ist der Richter; den einen erniedrigt, den anderen erhöht er. Denn ein Becher ist in der Hand des Herrn, gefüllt mit schäumendem Würzwein; davon schenkt er ein: sogar seine Hefen müssen schlürfen und trinken alle Gottlosen auf Erden.“ (Ps 75:8-9)

 

Es gibt einen Gott und eine allwaltende Vorsehung. Dinge geschehen nicht nach blindem Zufall. Wenn sich auch auf keinem Punkt des Horizonts eine Aussicht auf Rettung bietet, so kann Gott sie Seinem Volk dennoch verschaffen; und ob auch das Gericht über die Unterdrücker weder vom Aufgang noch vom Niedergang noch von der Wüste erwartet werden kann, kommen muss es; denn Gott sitzt im Regiment! Die Menschen vergessen, dass Gott alles zuvor verordnet hat, dass alle Fäden des Weltlebens im Himmel zusammenlaufen. So sehen sie nur die menschlichen Kräfte und die fleischlichen Leidenschaften; aber der unsichtbare Jehova ist eine in unendlichem Maße realere Macht als diese. Er hat die Hand am Werk hinter und in der Wolke, die uns Ihn verhüllt. Die Toren träumen, Er existiere nicht, Er, der doch fortwährend nahe ist und eben im Begriff steht, den Becher voll starken Racheweins zu ergreifen, aus dem ein einziger Schluck genügt, um alle Seine Feinde zum Wanken zu bringen.

„Sondern Gott ist der Richter.“ Er ist jetzt schon tatsächlich im Richten begriffen. Sein Stuhl ist nicht vakant, Er hat Seine Autorität nicht niedergelegt; der Herr sitzt noch immer im Regiment. „Den einen erniedrigt, den anderen erhöht er.“ Auf Sein Geheiß steigen die Weltreiche empor und geraten sie wieder in Verfall; es ist Sein Wille, der diesem hier den Kerker und jenem dort einen Thron anweist. Assyrien muss Babylon weichen und Babylon den Medern. Könige sind wie Marionetten in Seiner Hand; Seinen Zwecken muss das Emporsteigen wie das Erbleichen ihres Sternes dienen.

„Denn ein Becher ist in der Hand des Herrn.“ Die Strafe für die Gottlosen ist schon zugerichtet, und Gott selbst hält sie in Bereitschaft; Er hat die fürchterlichsten Wehen zusammengesucht und zu einer Mischung bereitet, und in Seinem Zornbecher reicht Er sie dar.

Sie haben das Gastmahl Seiner Liebe verschmäht und verspottet, so sollen sie nun zu Seinem Gerichtstisch geschleppt werden und zum Nachtisch einen Dessertwein trinken müssen, wie er sich für sie schickt. „Gefüllt mit schäumendem Würzwein“. Schrecklich ist die Vergeltung: Blut für Blut, überschäumende Rache für überschäumende Bosheit. Schon die Farbe des göttlichen Zornweins ist furchtbar; wie entsetzlich muss es sein, ihn kosten zu müssen! Als Gewürze sind Zorn, Gerechtigkeit und Entrüstung über die verschmähte Gnade beigemischt. Die Übeltaten der Gottlosen, ihre Lästerungen und Verfolgungen haben den Trank wie mit kräftigen Kräutern verstärkt.

Zehntausend Wehen brennen in den Tiefen dieses Feuerkelchs, der bis zum Rand mit lang verhaltenem Zorn angefüllt ist. „Davon schenkt er ein“. Der volle Becher muss ausgetrunken werden. Die Gottlosen können sich des nicht mehr weigern, sie müssen ihn ansetzen und in einem Zuge leeren; denn Gott selbst schenkt ihnen aus, Er setzt den Becher an ihre Lippen und gießt ihnen den schaurigen Trank ein. Vergeblich ist ihr Schreien und Bitten. Einst konnten sie Ihm Trotz bieten; aber die Zeit ist vorbei und die Stunde nun da, wo ihnen voll vergolten wird. „Sogar seine Hefen müssen schlürfen und trinken alle Gottlosen auf Erden.“ Das Zorngericht schreitet noch weiter fort bis zum äußersten, es nimmt an grausamer Bitterkeit zu. Sie müssen trinken und immer trinken, den Becher auskosten bis auf den Grund, wo die Hefen tiefer Verdammnis lagern; diese müssen sie ausschlürfen und den Becher noch ausschlecken.

Ach, welch eine Verzweiflung und herzbrechendes Weh am Tag des Zorns! Man merke wohl: Allen Gottlosen der Erde steht solches Gericht in Aussicht; alle Höllenpein für alle Gottlosen; die Hefen des Grimmes für die Hefen der Menschheit; Bitteres für Verbitterte; Zorn für die Kinder des Zorns. Die Gerechtigkeit darin ist unübersehbar; aber über all die Schrecken ist zehnfaches Dunkel gebreitet, Trübseligkeit ohne auch nur ein Sternlein der Hoffnung.

Wohl denen, die den Becher der göttlichen Reue trinken und den Kelch des Heils ergreifen! Werden sie jetzt auch verspottet, so werden sie doch einst aufs Äußerste beneidet werden von eben den Leuten, von welchen sie jetzt mit Füßen getreten werden.

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