Die neue Normalität ablehnen

„Wie reich ist jemand, der Menschengesichter sehen kann!“, schrieb Corrie ten Boom. Wie selbstverständlich erachten wir solch einfache Dinge oftmals. Zumindest hielten wir sie vor dem Jahr 2020 für selbstverständlich. Passanten, die einander anlächeln; die glühenden Wangen von Kindern, die zur Schule eilen; Gesichtsausdrücke, welche die Worte begleiten; das sind alles Dinge, die einst normal waren für uns. Doch jetzt werden wir in eine „neue Normalität“ versenkt. Maskierte Gesichter umgeben uns und erneut lernen wir, wie wertvoll es ist, unverhüllte und ausdrucksvolle Gesichter zu sehen.

Und doch scheint es so leicht zu sein, sich an neue Normen zu gewöhnen. Menschen passen sich recht schnell an neue Umstände an. Ein Kind, das in ein fremdes Land zieht, findet die neue Umgebung zuerst fremdartig. Doch es dauert nicht lange, bis es die neue Sprache und die Gepflogenheiten im Griff hat. Die Ehefrau, die zur Witwe wird, trauert zutiefst und intensiv. Doch auch sie hat sich mit der Zeit an ihren neuen Tagesablauf gewöhnt. So verhält es sich mit allen Veränderungen, denen wir im Leben begegnen. Neue Freundschaften, neue Orte, neue Arbeitsstellen, neue Schulen, neue Babys, neue Verluste, neue Trauer. Im Nu haben wir uns daran gewöhnt. Erinnerungen aus der Vergangenheit mögen zwar wieder an die Oberfläche kommen und entweder Freude oder Trauer mit sich bringen, aber dennoch geht das Leben weiter und wir passen uns an die Rhythmik unserer neuen Normalität an.

Diese Anpassungsfähigkeit ist ein Segen. Sie befähigt uns, über die tiefste Trauer, den tiefsten Schmerz und das tiefste Leid hinwegzukommen und einen neuen Sinn fürs Lebens sowie neue Freude an demselben zu finden. Diese Anpassungsfähigkeit kann aber auch ein Fluch sein, da sie außerdem die Tendenz einschließt, sich an Dinge zu gewöhnen, an die wir uns niemals gewöhnen sollten. Sie war es, die Tausende dazu befähigte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken mitanzusehen, wie ihre Mitmenschen versteigert werden. Ihr ist es anzulasten, dass wir Zeugen von Ungerechtigkeit, Armut und Unterdrückung werden, und dennoch unbekümmert weiterleben. Das Alltägliche, das uns Tag für Tag umgibt, akzeptieren wir so leicht als „normal“.

Im vergangenen Jahr hat sich unsere Welt derart verändert, dass man sie fast nicht wiedererkennt. Dinge, die für uns einst selbstverständlich waren, erscheinen einem wie ein Traum aus alter Zeit. Hemmungslose Umarmungen bei der Begrüßung; Kinder, die auf dem Spielplatz rennen, herumspringen und vor Freude kreischen; Freunde zum Abendessen einladen; Feiertage – der herkömmlichen Art, voller Menschen, laut, reich an guten Speisen und geliebten Menschen, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben; ein Händedruck nach einem Geschäftsabschluss; uneingeschränktes Reisen; ein Raum voll melodischer Stimmen, die gemeinsam einen Gottesdienst abhalten; eine Fülle an Geschäften, die geöffnet und reichlich bestückt mit Ware sind und die Abgabemengen nicht einschränken. All dieses war vor weniger als einem Jahr normal und wurde als völlig selbstverständlich betrachtet.

Wie sehr sich die Welt doch verändert hat! Umarmungen und Küsse, die einst spontan und reichlich ausgeteilt wurden, werden jetzt nur noch mit Genehmigung und aller Vorsicht gegeben. Spielplätze, die einst voller schreiender Kinder waren, werden nun als Gefahrzonen betrachtet und demnach durch Absperrband gesperrt. Die Flure der Schulen sind menschenleer. Der Lebensunterhalt vieler ist verloren gegangen, da viele Unternehmen und Einrichtungen geschlossen wurden. Diejenigen, die noch geöffnet haben, unterliegen ständig wechselnden Auflagen. Ausgangssperren werden über die Bevölkerung verhängt. Scharen leben in Hausarrest, indem sie die frische Luft und den blauen Himmel täglich nur eine Stunde lang genießen dürfen. Unseren Freunden und Familienangehörigen ist es untersagt, unsere Heime zu betreten. Uns wiederum wird es nicht gestattet, unsere Verwandten zu besuchen, selbst nicht, wenn sie sich auf dem Sterbebett befinden. Wenn sie sterben, sind ihre Beerdigungen einsam, verlassen und werden zügig abgehalten. Sollte es dennoch jemand geben, der es wagt, der Geschichte der Mainstream-Medien zu widersprechen oder seine Stimme in einem Protest zu erheben, so wird er schnell zensiert, verspottet, verraten, bestraft oder gar verhaftet.

Wir mögen zwar versucht sein, zu glauben, dass so etwas nur in Albträumen oder in Geschichten von kommunistischen Ländern aus früheren Zeiten vorkam, doch leider werden wir unaufhörlich daran erinnern, dass dies Realität und unsere „neue Normalität“ ist.

Ist es deshalb überhaupt verwunderlich, dass die Welt erfüllt ist von Furcht, Verzweiflung und Wut? Die Anzahl der Menschen, die an Depressionen und Ängsten litten, war schon vor der Pandemie besorgniserregend. Unter der „neuen Normalität“ sind die Zahlen noch umso drastischer in die Höhe geschossen. Kein Wunder, dass auch Verbrechen, Tötungsdelikte, Selbstmord, Tod durch Überdosis und häusliche Gewalt beträchtlich eskaliert sind. Dr. Matt Strauss sagte: „Wenn du Kinder der Bildung, Erwachsene ihres Lebensunterhalts und ältere Personen ihrer sozialen Verbindungen beraubst, stellen sich Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit schnell ein.“ 1

Es gibt viele, die der Meinung sind, der Tod wäre besser als in unserer gegenwärtigen Realität zu leben. Mancher wählt lieber Suizidbeihilfe, als noch einen weiteren Lockdown durchleben zu müssen. Indem sie bis jetzt überlebt haben und sich an die vielen Veränderungen, das Herzeleid und die Enttäuschungen, die im Leben eines jeden auftreten, angepasst haben, sehen sie den Kampf ums Überleben unter den gegenwärtigen Umständen nicht mehr als lohnenswert an. Aus diesem Grund ziehen sie es vor, zu sterben, als sich an die „neue Normalität“ anzupassen.

Wenngleich wir zwar nicht den Tod wählen, so lehnen auch wir diese „neue Normalität“ entschieden ab. Wir tendieren dazu, uns an das, was wir tagtäglich sehen, zu gewöhnen und das allgemein Bekannte als Norm zu akzeptieren. Allerdings dürfen wir es niemals zulassen, dass wir uns an den gegenwärtigen Zustand dieser Welt gewöhnen! Wir müssen uns weigern, in einer Welt zu leben, in der wir voneinander getrennt werden, in der Angst herrscht und in der wir unserer menschlichen Freiheiten beraubt werden! Es ist schlichtweg unmenschlich, von virtuellen Küssen zu leben, nur weil ein jeder Angst hat, seinem Nächsten zu nahe zu kommen. Wir brauchen einander! Deshalb weigern wir uns, uns anzupassen. Dies geschieht nicht aus sinnloser, sturer Rebellion, sondern basiert auf einer Liebe zu unseren Mitmenschen, die uns verpflichtet, die „neue Normalität“ abzulehnen. Wehe uns, wenn wir uns anpassen!

1 www.spectator.co.uk/article/a-medic-s-case-against-another-lockdown

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